Trifft mitten ins Herz

|
Vorherige Inhalte
  • Fazil Say. 1/2
    Fazil Say. Foto: 
  • Berührt, wühlt auf, lässt die Seele direkt sprechen: Der Pianist Fazil Say in typischer Haltung. 2/2
    Berührt, wühlt auf, lässt die Seele direkt sprechen: Der Pianist Fazil Say in typischer Haltung. Foto: 
Nächste Inhalte

So viel Beifall gab’s selten – für die Solisten Fazil Say und Gábor Boldoczki, für die Philharmonie und für deren Ex-Chefdirigenten Norichika Iimori. Das Konzert am Montag in der Stadthalle Reutlingen war seit langem ausverkauft, die Leute erklatschten sich zwei Zugaben – hier, so scheint es, kann offenbar von einer schwerwiegenden „Krise“, was das Klassikpublikum angeht, keine Rede sein.

Zu Fazil Say, dem in Ankara geborenen Pianisten, der aus seiner kritischen Einstellung zum Demokratie-Abbau in seiner Heimat kein Hehl macht, haben Publikum und Orchester hier eine besondere Beziehung aufgebaut. Zu Zeiten, als ihm in seinem Heimatland der Prozess gemacht wurde, schaffte es Fazil Say, die Stadthalle Reutlingen im April 2013 gleich an zwei Abenden hintereinander zu füllen – auch ein Zeichen der Solidarität mit ihm. Und im Mai 2014 fand das weithin beachtete Konzert der Philharmonie mit Fazil Say im Volkstheater Wien statt – im Gedenken an die gewaltsame Niederschlagung der Aufstände im Istanbuler Gezi-Park.

Doch der Reihe nach: Nach Mozarts Ouvertüre zu „Lucio Silla“ (1772), die Ex-Philharmonie-Chef Norichika Iimori erstaunlich feingliedrig musizieren ließ (im federnden Duktus fast nach Art historisch informierter Ensembles), stand erst einmal ein Werk von (und nicht mit) Fazil Say auf dem Programm.

Says kompositorisches Credo ist der Brückenschlag zwischen Ost und West, zwischen Orient und Okzident. Klug aufgefächert von Iimori, sind in Says Trompetenkonzert op. 31 (2010) komplexe Eigenheiten türkischer Rhythmik mit schwärmerischen Themen in fast Gershwinschem Glamour miteinander verwoben.

Die von Boldoczki ausgesprochen munter und fidel variierte lydische Staccato-Motivik der Trompete wird im Verlauf von mehr und mehr treibenden, bedrohlichen Orchesterklängen verschattet. Bratzende Posaunen, brutaler Trommeldonner und aufschreiartige Streicherakzente verdüstern das Bild, bis am Ende nur ein leiser, gedämpfter, einsamer Ton der Trompete übrigbleibt. Sehr, sehr eindrücklich musiziert. Und Boldoczki bedankt sich mit einer „orientalischen“ Zugabe in eher fernöstlicher Pentatonik – bravourös klangschöner, cremiger Belcanto auf dem Flügelhorn.

Dann aber Mozarts Klavierkonzert KV 414 (1782): Fazil Say verfügt über die seltene Gabe, jeden Ton, jede Phrase bei diesem vielleicht etwas unterschätzten Werk neu zu erfinden, ihm einen unmittelbar berührenden Sinn zu geben. Say singt förmlich am Klavier: Sein Mozart hat so gar nichts Artiges, Formelles, Routiniertes – ganz im Gegenteil. Da trifft jeder Ton ins Herz.

Mit Romantisierung, Verzärtelung oder Versüßlichung hat Says Spiel eh’ nichts zu tun. Statt dessen befreit er die Mozartsche Sprache von allem, was mit Glättung, Domestizierung und Ästhetisierung zu tun hat, und legt die bare Seele dieser Musik frei. Da modelliert die linke Hand, was die rechte gerade am Klavier formuliert. Oder, besonders typisch, wenn Fazil Say mit schräg gelegtem Kopf darum ringt, den berührenden Kern dieser Musik aufzuspüren, die heute doch oft nur noch als Häufung von Schönklangformeln rezipiert wird. Selten hat man dieses Mozart-Werk so beseelt, funkelnd, geistreich gehört. Riesen-Beifall dafür.

Zuguterletzt Schostakowitschs Klavierkonzert Nr. 1 (1933). Say, Boldoczki und die Philharmonie unter Iimori zaubern aus diesem Viersätzer  eine geradezu springlebendig überbordende Ideenfülle heraus: Purzelbäume, Kapriolen, kleine Schmalz-Parodien, schadenfroh brüskierte Erwartungen, aber auch schlicht herrliche Melodien. Zirkusreif die Trompete, und Fazil Say spielt mit Furor die Rolle eines durchgedrehten Varietépianisten.

Rhythmisches Feuer, sprühender Witz – alles abenteuerlich gut, virtuos und mitreißend interpretiert. Die Krone gebührt allerdings dem Lento – grandios zelebriert vom Orchester unter Iimori. Zugabe: Schostakowitschs wohl populärstes Werk, der Walzer Nr. 2, bekannt nicht nur durch Kubricks Film „Eyes Wide Shut“. Standing Ovations.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Unterwegs in ein neues ÖPNV-Zeitalter

Der Gemeinderat hat gestern Abend mit großer Mehrheit den Grundsatzbeschluss für ein neues Stadtbuskonzept gefasst. Die Umsetzung soll im zweiten Halbjahr 2019 starten. weiter lesen