Trau, schau, wem im Flirtportal!

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Virtueller Sex ist Kopfsache.  Foto: 

Nichts ist verlogener als das Internet. Die Anonymität im Netz macht es möglich, dass sich Männlein als Weiblein ausgeben und Kinder als Erwachsene - und umgekehrt. Und miteinander ungeniert flirten auf der Suche nach unverbindlichem virtuellem Sex. Solche Portale "sollen erwachsene Menschen, die Frühlingsgefühle haben, zusammenbringen, und sind eine Art Spaßvermittlung", vermutete Eberhard Hausch dieser Tage im Amtsgericht.

Das geht meist ungestraft vonstatten, aber eben nicht immer. So wie im Fall eines 40-jährigen Reutlingers, über den der Reutlinger Amtsrichter nun zu urteilen hatte. Der Alleinstehende hatte mit verschiedenen Handys über diverse kostenpflichtige Kontakt- und Flirtbörsen im Internet reihenweise Telefonnummern angeblich kontaktsuchender Frauen erhalten.

"Dabei übersandte der Angeschuldigte üblicherweise unmittelbar nach Erlangen des Kontakts und Beginn eines Chats Nacktbilder von sich, auch mit erigiertem Penis, sowie Videos, bei denen er beim Masturbieren erkennbar ist, ohne jegliche Aufforderung und ohne auch nur ansatzweise die Identität, das Alter oder gar die Ernsthaftigkeit seines 'Flirtpartners' überprüft zu haben", heißt es in der Anklage. "Wirkt das nicht auf Frauen abschreckend, wenn das beste Stück so präsentiert wird?", fragte Staatsanwalt Dr. Burkhard Weber erstaunt.

Die Anklage umfasste fast ein Dutzend Fälle zwischen Sommer 2011 und März 2014, in denen der 40-Jährige Fotos und Filmchen per MMS und über WhatsApp auch an Kinder und Jugendliche im ganzen Bundesgebiet schickte. Das jüngste Mädchen war elf Jahre alt.

Staatsanwalt Weber wunderte sich, wie die Telefonnummern von Kindern in solche Kreise kommen, doch er musste sich belehren lassen, dass dies von den Kindern selber ausgeht, "weil sie neugierig sind, was Erwachsene hinter der Schlafzimmertür machen", so der Richter.

Im Fall einer Zwölfjährigen aus Niedersachsen, "deren kindliches Alter der Angeschuldigte kannte, zumindest aber billigend in Kauf nahm", ging der 40-Jährige weiter. Er telefonierte mit ihr, "während er hörbar masturbierte", so der Staatsanwalt. Und der Reutlinger forderte das Mädchen auf, ihm Nacktbilder zu schicken, "sonst passiere ihrer Mutter etwas". Aus Angst fertigte das Kind solche Bilder, "konnte sie aber aufgrund fehlenden Guthabens nicht übersenden", heißt es in der Anklageschrift. Im Fall einer Zwölfjährigen aus dem Kreis Biberach - die den erwachsenen Anrufer auf 16 Jahre schätzte - gelangte der Angeklagte so in den Besitz von kinderpornografischen Bildern.

Doch Big Brother kam dem Reutlinger auf die Schliche. Mehrere Staatsanwaltschaften bundesweit dröselten die Kommunikation minutiös auf, bei den Tübinger Strafverfolgern lief dann alles zusammen. Vor fast einem Jahr rückte die Kripo an, durchsuchte die Wohnung, stellte Material sicher.

Vor Gericht räumte der unscheinbare Mann die "Kontakte mit den vermeintlich weiblichen Gegenüber", so Pflichtverteidigerin Safak Ott, und den Austausch von Bildern unumwunden ein. Dass Letztere geschmacklos waren ("Wo war da das Hirn?"), sei unstreitig, doch "er war zu geil, um sich anderen Belangen zu widmen", attestierte die Rechtsanwältin dem Mann. Als er aber "die Kripo im Haus hatte, ging ihm ein Licht auf, dass sein Verhalten doch etwas, sagen wir 'ungewöhnlich', war." Seit der Zeit meide ihr Mandant solche Flirtlines, habe sein Freizeitverhalten komplett umgestellt und "verhalte sich nun altersentsprechend". Er arbeite nun mehr, fahre Rad und verabrede sich mit Freunden, zu Spieleabenden beispielsweise. Die Anwältin hielt dem Mann ebenfalls zugute, dass "er nicht zielgerichtet auf Kinder zugegangen" sei, sondern einfach nur "nicht aufgepasst habe".

Das Geständnis wurde am Ende auch deshalb strafmildernd vom Richter bewertet, weil es den Opfern einen Auftritt vor Gericht ersparte. Und weil sich alles nur in der Virtualität abgespielt hatte, vermutet auch der Staatsanwalt, dass die Vorfälle "wohl keine tiefgreifenden seelischen Wunden bei den Kindern hinterlassen haben".

Der Strafforderung von Staatsanwalt und Verteidigung von zehn Monaten auf Bewährung plus Geldauflage wegen Verbreitung pornografischer Schriften, sexuellen Missbrauchs von Kindern, versuchter Nötigung und Erwerb und Besitz kinderpornografischer Schriften schloss sich Amtsrichter Hausch in seinem Urteil an. Neben der auf drei Jahre ausgesetzten Freiheitsstrafe muss der Reutlinger nun je 2000 Euro an den Verein Netzpolitik e.V., der sich für mehr Verantwortung im Internet einsetzt, und an den Verein Kinderhospiz zahlen.

Regelrecht rechtsfortbildend ist das quasi virtuelle Aufenthalts- und Kontaktverbot, das Hausch dem Mann auch aussprach: Er darf keine 0800er- oder 0900er-Nummern oder Flirtlines mehr kontaktieren. Beim Verstoß gegen diese Weisung "müssen Sie doch noch einsitzen".

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