Tod als Verheißung

Als Höhepunkt der Bonhoeffer-Reihe erklang das Oratorium "Ende und Anfang", komponiert von Gerhard Kaufmann, aufgeführt in einer großen Gemeinschaftsleistung unter der Leitung von Michaela Frind.

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Musik muss nicht immer Genuss bereiten; sie kann auch hineinführen in Schmerz und Tod und damit zu Umkehr und Neubeginn. In diese Richtung tendierte schon das Kurz-Oratorium "Verhör und Verheißung" des Tübinger Komponisten und früheren Kirchenmusikmusikdirektors Gerhard Kaufmann, das 2005 auch in Reutlingen aufgeführt wurde.

2009 folgte sein Oratorium "Ende und Anfang" über den christlichen Widerstandskämpfer und Vordenker Dietrich Bonhoeffer, dessen Ermordung sich jetzt - mit dem Kriegsende kurz danach - zum 70. Mal jährt, was Anlass war für die Aufführung in der Christuskirche.

Kaufmanns Werk fordert die Ausführenden - nicht nur mit seiner auf äußerste Expressivität abzielenden, bekenntnishaften Tonsprache, sondern auch durch die für Laien schwierige, avancierte Satzweise. In ihr verknüpft er die menschliche Stimme mit einem farbigen, durch reichlich Schlagwerk ergänzten Instrumentarium zu einem dicht durchkomponierten Gewebe, das dem Wort folgt: Textauszügen von Bonhoeffer, Bibelzitaten, Einschüben von Kaufmann, unterteilt in 23 Teile. So werden sämtliche Texte auf eine quasi biblische Ebene gehoben, intensiviert durch die bis an die Grenzen gehende Vertonung.

Sämtlichen Mitwirkenden gebührt hohe Anerkennung dafür, dass sie sich gemeinsam für dieses Werk eingesetzt haben: der Leonhards- und Mauritiuskantorei, dem Leonhards-Kinderchor, den Projekt-Choristen und -Musikern, den Solisten Susan Eitrich (Sopran), Jan Hermann (Tenor), Torsten Müller (Bass) sowie Frieder Leube (Sprecher). Mit der Einstudierung und Leitung hat Kantorin Michaela Frind Bemerkenswertes geleistet.

Vermutlich hatten die Singenden selbst den größten Gewinn durch das tiefere Verständnis von Werk und Hintergrund, das sich in der Erarbeitung einstellt. Die Zuhörenden waren da etwas benachteiligt; sie erlebten das Stück großteils zum ersten Mal und hatten oft Mühe, dem Text zu folgen, auch wenn er vorbildlich gedruckt in der Hand lag.

Schuld daran war nicht nur die Unsichtbarkeit der Singenden auf der Empore und die (dennoch) problematische Raumakustik, sondern auch der allzu üppige Einsatz der Mittel: Die Gesangsstimmen werden - auch in den sogenannten Rezitativen - oft gemeinsam mit den tiefen Blechbläsern geführt, und letztere verdunkeln unbarmherzig das Wort. Wenn auch noch Trommelwirbel, Gongschläge und das Geläut der Röhrenglocken hinzutreten, wird das Ohr zwar ergriffen von der Klanggewalt, läuft aber Gefahr, die Verbindung zum Text zu verlieren.

Dabei setzten sich die Mitwirkenden begeistert und mit ihrem ganzen Können für die Botschaft ein. Kernmotive wie die auf "Ohne dich gehen wir in die Irre" oder "Wer hält stand!" etwa wurden plastisch herausgehoben; hell schwangen sich die Frauenstimmen empor zu der "wunderbaren Verwandlung" in der Freiheit Gottes. Während die dichte Vertonung des Korintherbrief-Zitats "Die Liebe höret nimmer auf" nur bedingt eine allen verständliche "neue Sprache" erahnen ließ, vermittelten zum Ende hin die unbegleiteten Soli von Violine, Sopran und Bass das Ringen der Seele, die Ergebung in den Tod und den Abschied in ausdrucksvoller Reinheit - bevor Bonhoeffers Hinrichtung in dessen gesprochenem Briefzitat als Anfang gedeutet wurde und ein vielstimmiger Schlusschoral das Werk beschloss. Gebannte Stille. Zögernd einsetzender, herzlicher Beifall.

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