Tierisch: Ein Selfie mit Willi

Hände über Hände wuscheln sich durch Willis fluffige Lockenpracht. Stunde um Stunde wird er überschüttet mit Liebe. Tag für Tag kuschelt er sich durch den Unterricht - als erster Reutlinger Schulhund.

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28 Mädchen und Jungen warten auf den großen Moment: den Pausengong. Dann geht im Kunstraum im Erdgeschoss des Isolde-Kurz-Gymnasiums so richtig die Post ab. Willi Winzig wird sich an Schulranzen und Sporttaschen vorbeiwühlen auf der Suche nach seinem Leckerli-Karton. Den zu verstecken, ist heute Evangelias Aufgabe. Weit hinten in einer Ecke will die Elfjährige das Päckchen deponieren, damit Willi es nicht gleich findet. Denn der Goldendoodle ist zwar erst ein dreiviertel Jahr alt, bei der Suche nach seinen Lieblingsknabbereien aber ist er unterwegs wie ein alter Hase. Nicht umsonst ist Willi Winzig Schulhund geworden: Er ist intelligent, gutmütig, ausgeglichen, geduldig - und lässt sich knuddeln bis zum Geht-nicht-Mehr. Seine weiteren Pluspunkte: Er bellt kaum, verliert kein Fell und ist sogar für Allergiker geeignet.

Es sind genau diese Eigenschaften, die Aniko Györi im vergangenen Juli so sehr beeindruckt haben, dass sie den Welpen Willi gekauft und mit nach Hause genommen hat. Er sollte nicht nur ein freundliches Wesen haben - "er sollte auch freundlich aussehen", sagt die Reutlinger Kunstlehrerin, die mit dem Golden-Retriever-Pudel-Mix ein nicht unriskantes, aber pädagogisch hoch interessantes Experiment eingegangen ist.

Im Studium hat die junge Frau zum ersten Mal gehört, dass es Schulhunde gibt. Es sind zwar erst um die 200 in ganz Deutschland - aber in Österreich zum Beispiel werden sie vom Kultusministerium sogar empfohlen. Also, hat sich Aniko Györi, die mit Hunden aufgewachsen ist, gedacht, "könnte das doch auch bei uns funktionieren", Mit einer Schildkröte hat sie im Referendariat "geübt". Im ersten Jahr als Lehrerin am Isolde-Kurz-Gymnasium (IKG) hat sie den nächsten Schritt getan: Sie hat im vergangenen Juli den damals erst zehn Wochen alten Willi Winzig mit in den Unterricht genommen.

Györi war es wichtig, Willi nicht nur von Welpentagen an zu kennen, sondern ihn auch gleich an die Schüler zu gewöhnen. Keine drei Monate alt war er, als er sich kurz vor den Sommerferien zum ersten Mal unter die Schulbank gedrückt hat. Womit er - mit Erlaubnis des Rektors - in die Probezeit gestartet ist. Das freilich nicht ohne entsprechende Vorbereitung: Sämtliche Kinder mussten Einverständniserklärungen ihrer Eltern mitbringen - und zwar mit Bemerkungen zu Allergien oder Phobien.

Immer dienstags, mittwochs und donnerstags ist Willi seitdem als Teilnehmer am Kunstunterricht nicht nur in den fünften und sechsten Klassen, sondern auch in der Oberstufe fest eingeplant. Mal wedelnd, mal schlafend liegt er meistens in seinem Körbchen, sein Quietsche-Schwein und den Teddy immer fest im Blick. Und seit er kurz vor den Weihnachtsferien das Ja-Wort der Gesamtlehrerkonferenz bekommen hat, ist er sogar "offizieller Schulhund". Der erste weit und breit. Der Nächste, weiß sein Frauchen, sitzt in Karlsruhe.

Was sich mit Willi Winzig am IKG geändert hat? "Die Klassen sind ruhiger geworden. Die Schüler machen weniger Lärm, weil sie Rücksicht auf den Hund nehmen wollen und können sich so besser konzentrieren", weiß Györi. Nur bei zwei Sechser-Klassen ist sie mit Willi gescheitert. Dort waren die Kinder trotz seiner Anwesenheit zu laut. In allen anderen Klassen allerdings hat Willi die Atmosphäre deutlich verbessert. Das pädagogische Konzept scheint aufzugehen. "Die Kinder zeigen starke Empathie mit dem Hund. Vielleicht überträgt sich das ja auf den Umgang mit Menschen und sie werden auch da rücksichtsvoller", hofft die Lehrerin, die bei vielen Schülern "früher einen ganz großen Egoismus" ausgemacht hat, der dank Willi inzwischen deutlich abgenommen habe.

In der Oberstufe freuen sich die Jugendlichen richtig auf die Zeit mit Willi - und in der 5 a, in der er an diesem Dienstag zu Gast ist, kennt die Begeisterung keine Grenzen. Die Kinder üben mit ihm Kunststücke, gehen mit ihm in die Pause, machen Selfies, verstecken Leckerli für ihn - und machen danach sogar noch sauber, wenn Willi mal sabbert und Krümelreste übrig lässt. "Früher wollte keiner Ordnungsdienst machen - heute reißen wir uns darum", sagt Evangelia. "Hauptsache streicheln" - das findet auch die zehnjährige Leni "richtig cool". Und sogar Florian, der eigentlich Angst vor Hunden hat, hat sich an Willi gewöhnt. "Das erste Mal, als er im Unterricht war, war das schon komisch", sagt der Zehnjährige. Mittlerweile akzeptiert er den Goldendoodle nur zu gern. Und Willi? Der lässt sich knuddeln - und weiß wahrscheinlich gar nicht, dass er Reutlingens erster Schulhund und als Pädagoge tierisch erfolgreich ist.

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