Tief in die Seele geblickt

"Frauen lesen für Frauen über Frauen am Tag der Frau in der Stadtbibliothek. Die Missverständnisse aus der fantasievoll verdrehten Welt der Sechsjährigen Isi karikieren das aufgeklärte Reutlingen der 50er.

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Zum vierten Lesetag des Reutlinger Frauenforums mit der Stadtbibliothek ein spannendes Gesamtwerk. Unser Foto zeigt (von links): Esther Meiers, Helke Meierhofer-Fokken, Heike Heth und Sibylle Mulot. Foto: Angela Steidle

Vier ganz unterschiedliche Erzählsituationen - vier Vorleserinnen mit sehr verschiedenem Temperament - viermal mit Reutlinger Bezug und viermal tief in die weibliche Seele geblickt: "Frauen lesen für Frauen über Frauen" am internationalen Tag der Frau in der Stadtbibliothek, aus niveauvoll kurzweiliger Perspektive.

Esther Meiers hatte sich für ihre Vorlesestunde einen "historischen Schmöker" der amerikanischen Bestseller-Autorin Jennifer Donnelly ausgesucht: "Das Licht des Nordens" ist in der Hauptstelle der Bibliothek eigentlich ständig vergriffen. Ein fesselnder Krimi und tragischer Liebesroman aus Sicht zweier Frauen. Zumindest einer der Charaktere ist einem populären Gerichtsverfahren nachempfunden.

Die Geschichte der zweiten Frau spielt in der amerikanischen Provinz im Jahr 1906. Matti, die "lieber Worte sammelt, als sie zu gebrauchen", versucht aus dem Frauenbild ihrer Zeit auszubrechen - mit aller Macht. Zur Lese-Koproduktion von Reutlinger Frauenforum und Bibliothek nur der schwungvolle Türöffner, gelesen von Esther Meiers von der Stadtbibliothek.

Die Reutlinger Autorin Heike Heth vom Frauenforum wagte sich weit in die Tradition der aufklärerischen Frauenliteratur vor. Mit einer Geschichte im Jetzt: "Ein Unternehmensberater am Höhepunkt seiner Karriere erleidet einen Autounfall und fällt ins Koma. Nicht in irgendeins, sondern in das locked-in-Syndrom". Völlig paralysiert aber klar im Denken ist er hilflos dem ausgeliefert, was um ihn herum passiert. "Er kann nicht weglaufen, sondern muss sich mit seiner Lebenssituation auseinandersetzen." Das heißt, mit dem ganzen zugedeckelten Seelenstriptease seiner Frau und der Kinder. Heike Heth spielt mit Befindlichkeiten und trächtigen Klischees, die bei den Zuhörerinnen verfangen: "Sehr gut, superspannend. Aber die Kontur seiner Frau - kommt irgendwie feige rüber ", so die ersten Kommentare. Ob der smarte Ignorant zum Ende des Romans wieder aus seinem "Gefängnis" entlassen wird, ist noch nicht bekannt. Weil "Was bleibt" noch nicht zu Ende geschrieben ist.

Die Wahl-Schweizerin Helke Meierhofer-Fokken hat 37 Jahre in der Reutlinger Stadtbibliothek gearbeitet, eine Autobiografie veröffentlicht und zur Lesestunde am Frauentag drei spannende Lebenswege mitgebracht: Den ihrer Urgroßmutter um 1853, den ihrer Großmutter um 1886 und den der Enkelin in den 1950ern. Das Erstaunliche daran: so buchstabengetreu, wie sie aus ihrem Manuskript ablas, so detailliert penibel hangelten sich die Inhalte an der historischen Wahrheit entlang. Milieu und Chronik unterm Brennglas - alles andere als stoisch: Der Großvater - Pfarrer in Münchhausen - baute eine Mission in Ostafrika auf. Dort wurde die Autorin auch geboren. "Es ist unglaublich. So viele Katastrophen in so einem kleinen Ort", erstaunte sich eine Zuhörerin, "Sie wissen so viel von Ihrer eigenen Familie", rief eine andere Zuhörerin, "was für ein Geschenk!"

Sibylle Mulot konnte nicht umhin, über die Niederschrift ihrer eigenen Kindheitserinnerungen selber herzhaft zu lachen. Nein, eine richtige Feministin sei sie nicht, dazu fehle ihr die "Wut": "Meine Mutter war eine sehr starke Frau. Ich hatte keine Brüder. Ich wurde also nicht zurückgesetzt." "Isi, das bin ich schon selbst", sagt die Autorin und: "Alle Kinder haben diese Fantasien, wenn sie sich die Welt erklären müssen." Aber so entwaffnend? "Der liebe Gott und seine Herren sind möglicherweise für alles zuständig. Heißt das, die kriegen auch die Kinder?"

Isi und die Herren - eine fantastisch liebenswerte Reminiszenz, extra geschrieben für diesen einen Lesebeitrag. Sibylle Mulot war zum dritten Mal aus Frankreich angereist und wer weiß: "Noch so fünf bis sechs Frauentage, dann wird die Isi vielleicht doch mal ein Buch."

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