Thema weiter unter der Decke gehalten

Ohne die Selbsthilfegruppen wie das Blaue Kreuz und einige andere hätten viele Alkoholabhängige den Absprung nicht geschafft. Sucht ist aber immer noch ein Tabuthema, sind sich die Fachleute einig.

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Ehren- und hauptamtliche Fachleute aus dem Suchthilfebereich diskutierten über die Zukunft der Selbsthilfegruppen (von links): Rainer Breuninger, Knut Kiepe, Herbert Lumpp, Gerhard Förg und Hans-Eckhard Reimann.  Foto: 

Die Selbsthilfe wird laut Horst Seehofer als "vierte Säule des Gesundheitswesens" bezeichnet, wie Knut Kiepe vom Berliner Gesamtverband der Suchthilfe vor wenigen Tagen vor rund 60 Interessierten im Schlosssaal in Tübingen-Bühl betonte. Die Bedeutung der ehrenamtlich strukturierten mehr als 8700 Suchtselbsthilfegruppen in Deutschland sei enorm groß, weil "sie nah am Menschen sind, sich an der Realität orientieren und langfristig begleiten", führte Kiepe aus. "Dies sind ganz wesentliche Stärken in Ergänzung zur professionellen Hilfe."

Grundsätzlich solle aber nicht in haupt- und ehrenamtliche Fachleute in der Suchthilfe unterschieden werden, betonte Rainer Breuninger vom Landesverband der Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe. "Die Ehrenamtlichen sind in diesem Thema genauso Experten wie die Fachleute aus den Beratungsstellen." Aber: Die Selbsthilfe habe beim Thema Sucht auch ihre Grenzen. Und ihre Schwierigkeiten, wie bei einer Podiumsdiskussion deutlich wurde. So liege das Durchschnittsalter in den Suchtselbsthilfegruppen konstant bei etwa 55 Jahren. Zurückzuführen sei das beim Suchtmittel Alkohol auf eine zumeist langjährige Phase der Abhängigkeit, bis die Betroffenen sich der Problematik erst bewusst werden, wie etwa Gerhard Förg vom Blauen Kreuz der evangelischen Kirche ausführte. "Ich war 40 Jahre, als ich merkte, dass ich alkoholkrank bin - vorher war das kein Thema", betonte er. Herbert Lumpp von der Suchtberatung in Reutlingen verwies darauf, dass eigentlich flächendeckend ein Hilfsangebot für Partner, Eltern und Geschwister von Suchtkranken geschaffen werden müsse - beim Diakonieverband in Reutlingen gebe es solch eine Angehörigengruppe. Die Selbsthilfegruppen müssten grundsätzlich aber auch "kreativ werden, um die Jüngeren zu erreichen", betonte Breuninger. Und das nicht nur für das Suchtmittel Alkohol oder Medikamente, sondern auch für Spiel- und Mediensucht. "Wobei es zweitrangig ist, von welchen Mitteln man abhängig wird - die anschließenden Probleme sind bei fast allen Mitteln gleich", betonte Hans-Eckhard Reimann vom Blauen Kreuz Deutschland. "Ursache für die Sucht sind fast immer Beziehungsschwierigkeiten." Wie der Reutlinger Verein der "Vergessenen Kinder" verdeutliche, fallen vor allem Kinder von Abhängigen stetig durch das Raster: "In der deutschen Suchtselbsthilfe geht es fast immer um den Einzelnen, um den Abhängigen", verdeutlichte Knut Kiepe. Natürlich sollten auch die Angehörigen, Partner und Kinder in die Hilfe mit aufgenommen werden, aber, so Kiepe weiter: "Sie mit einzubeziehen kann nicht verordnet werden, das muss jede einzelne Selbsthilfegruppe für sich selbst entscheiden."

In anderen Bundesländern funktioniere das etwas besser, aber grundsätzlich "fühlen sich viele Selbsthilfegruppen beim Thema Familie und Kinder überfordert", berichtete Lumpp. Während Knut Kiepe hervorhob, dass "nicht jede Gruppe alles machen kann und auch nicht machen muss", sagte Hartmut Nicklau als Moderator und Organisator der Veranstaltung vor kurzem: "Scheuen Sie sich nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen." Dafür seien die Beratungsstellen da, und die könnten dann auch weitervermitteln. Etwa an psychologische Experten. Ein Problem, das sich aber nicht so schnell lösen lasse: "Sucht ist immer noch ein Tabuthema und wird unter der Decke gehalten", betonte Hans-Eckhard Reimann.

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