The Bad Plus im Pappelgarten

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Spielen auch Prince und Kraftwerk: The Bad Plus. Foto: Jürgen Spiess  Foto: 

Da ist Tobias Festl mal wieder ein echter Coup gelungen: Relativ kurzfristig konnte er dank eines gecancelten Konzerts bei einem Jazzfestival das Ausnahme-Trio The Bad Plus verpflichten, das in der internationalen Jazzwelt seit Jahren für Furore sorgt.

Der Grund? Das im Jahr 2000 gegründete Trio mit Reid Anderson (Kontrabass), Ethan Iverson (Piano) und David King (Drums) verknüpft kongenial Elemente des Avantgarde-Jazz mit Rock- und Popelementen und beleuchtet Rockklassiker von Prince, Peter Gabriel oder auch Kraftwerk völlig neu durch die Jazzbrille. Und es bescherte dem Reutlinger Konzertveranstalter und den knapp 100 Jazzfans im Pappelgarten ein ebenso innovatives wie außergewöhnliches Konzert.

Es ist nicht einfach, schöne Songs zu schreiben. Aus diesem Grund haben sich Jazzmusiker schon immer gerne bei den Kollegen der Unterhaltungsfraktion umgesehen, um reizvolles Material zu finden. Gershwin, Disney, die Beatles, vor allem Hollywood haben das Repertoire der Jazzszene über die Jahre hinweg um zahlreiche charmante und eingängige Melodien erweitert. Und inzwischen rücken neue Inspiratoren nach. Für Reid Anderson, Ethan Iverson und David King ist es daher eine Herausforderung, Rockklassiker ihrer Idole im neuen Gewand zu präsentieren. Wie zu Beginn ihrer Karriere vor 16 Jahren nehmen sie sich im Pappelgarten bekannter und häufig zitierter Rock- und Popklassiker an, die sie verfremden, dekonstruieren und modifizieren.

Manches geht wie Peter Gabriels „Games withouth Frontiers“ oder „The Robots“ von Kraftwerk vollständig in der neuen Version auf, anderes behält wie „Time after Time“ von Cindy Lauper und „The beautiful Ones“ von Prince Momente des ursprünglichen Songcharakters bei, wenn auch interpretatorisch völlig anders gewichtet.

Das Besondere dieser aufregenden Session liegt jedoch nicht in dem häufig strapazierten Tonmaterial. Dem hoch konzentriert agierenden Trio gelingt vielmehr die Kunst des musikalischen Kommentars in der kleinen und minimalistischen Form. Obwohl sich in den extrem frei gestalteten Melodien stellenweise die avantgardesk expressiven Mittel wiederholen, hat der Abend insgesamt doch eine Form, die mit subtilem Spannungsaufbau den Besonderheiten der Songs auf die Schliche kommt. Und das macht Spaß zu hören.

Mal demonstriert das Trio ironische Distanz, ohne der Musik ihre Tiefe, ihre Bildmächtigkeit, ihr assoziatives Vermögen zu rauben. Dann wieder stöbern Anderson, Iverson und King in der Rockgeschichte, deren Archivar sie werden, ohne sich im bloß Historischen zu verlieren. Gleichzeitig meidet das Trio jeden Ton zuviel und versteht sich kongenial in der Kunst der Andeutung.

Grenzenlose Freiheit

Dadurch schaffen sie den Tönen enormen Raum, geben ihnen eine schier grenzenlose, großzügige Freiheit und erzählerischen Atem. Mithin kann sich die musikalische Außenfläche auch dehnen, emphatischer werden, größer. Das gelingt The Bad Plus vor allem in den leisen Stücken, denen im zweiten Set zunehmend Raum eingeräumt wird. Nicht nur freie Assoziation, auch Melancholie war immer schon ein Teil ihrer Musik.

Aber das Ausnahmetrio, das mit seinem elften Album „It‘s Hard“ zum Ausgangspunkt einer 16-jährigen Karriere zurückkehrt, kann und will an diesem denkwürdigen Abend nicht nur leise klingen und schön und geschmackvoll, sondern auch komplex, freitonal, zerrissen. Immer wieder scheinen die drei Musiker den Blick frei zu geben auf die klaffende Wunde im Inneren des amerikanischen Mythos. Wer mag, kann darin ein Programm erkennen. Jürgen Spiess

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