Tag des offenen Denkmals: Mit Holz vom Erzfeind

Den Blick hinter sonst verschlossene Pforten erlaubt der Tag des offenen Denkmals alljährlich. Gestern stand das Angebot auch in der Achalmstadt unter dem Oberbegriff "Holz", wie unsere Beispiele zeigen.

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  • Einmal auf die Stadtmauer - das gibts nicht alle Tage. Hinten ist der Kesselturm zu sehen. Foto: Karin Lober 1/3
    Einmal auf die Stadtmauer - das gibts nicht alle Tage. Hinten ist der Kesselturm zu sehen. Foto: Karin Lober
  • Dr. Christoph Hoffmann-Kuhnt als Matthäus Alber in der Marienkirche. Foto: Anne Leipold 2/3
    Dr. Christoph Hoffmann-Kuhnt als Matthäus Alber in der Marienkirche. Foto: Anne Leipold
  • In der guten Stube des Gartentors ist seit einiger Zeit der Männerverein untergebracht, erläuterte Wulf-Winrich Neugebauer den Besuchern. Foto: Anne Leipold 3/3
    In der guten Stube des Gartentors ist seit einiger Zeit der Männerverein untergebracht, erläuterte Wulf-Winrich Neugebauer den Besuchern. Foto: Anne Leipold
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Steile und schmale Holztreppen, finstere Gefängniszellen und einen Einblick in das närrische Domizil des Reutlinger Männervereins bot das Gartentor am gestrigen Tag des offenen Denkmals. Um 1390 erstmals bezeugt, ragt das Tor 26 Meter in die Höhe. In mittelalterlicher Zeit überblickten die Wächter auf dem Verteidigungsturm die lange Stadtmauer zwischen Kesselturm und Karlstraße. Das Fallgatter wurde vor 1700 nur zu bestimmten Zeiten geöffnet, wie Wulf-Winrich Neugebauer den Interessierten das äußere Erscheinungsbild, gespickt mit wichtigen historischen Daten und Fakten, erläuterte.

Ein staunendes "Das ist aber schön" entlockte es dann so manchem Besucher der Führung, wenn die zahlreichen Treppen im Inneren des Turms erklommen waren. In Eigenleistung hat der Männerverein vor Jahren die historischen Räume renoviert und zu einer gemütlichen Stube hergerichtet. Hier zeugt eine in die Mauer geritzte Niederschrift eines Gefängnisinsassen von der damaligen Funktion des Turms.

Auch auf dem Sims eines kleinen Fensters sind derart alte Zeilen zu finden. Zwei der einst vier Gefängniszellen hat der Verein erhalten. In einer fristet noch immer eine Hexe ihr Dasein. Einblicke für die Öffentlichkeit gewährt der Männerverein übrigens immer am ersten Mittwochabend im Monat.

Aus der Sicht eines Reformators widerum lernten die Besucher am Sonntag die Marienkirche kennen. Höchstpersönlich erschien hierfür Matthäus Alber (dargestellt von Dr. Christoph Hoffmann-Kuhnt) in dem "steingewordenen Abbild bürgerlichen Engagements". Stolz sei er auf die rechtschaffene Bürgerschaft, die die Kirche immer wieder aufgebaut habe. Mit tragender Stimme plauderte er aus seinem Leben und verknüpfte dies geschickt mit seinem Wissen rund um die Marienkirche, dem Umbruch während der Reformation und der Theologie im Allgemeinen. Er selbst hielt jeden Morgen um halb sechs hier eine einstündige Andacht und genoss das Privileg, dass diese Prädikatur von der Stadt gestiftet wurde.

"Heute ist es so aufgeräumt, so hell und still", sagte er, während er das Kirchenschiff betrat. Er bewunderte die geschnitzten Kirchenbänke aus Ulmenholz und den gefliesten Kirchenboden, der zu seiner Zeit noch einfacher Lehm war. Er deutete auf das neue Gewölbe, das aus in Teer gegossenen Korkresten besteht und den Schall dämmt.

Schier unerschöpflich schien sein Wissen um die Figuren und Personen sowie der christlichen Symboliken an der Predigerkanzel, der Nachbildung des Heiligen Grabes und dem Taufbecken und er stellte dabei auch eigene Theorien auf. So symbolisiert für ihn der in der Beichtszene gefangene Vogel zwischen den Pfoten des Hundes die Sünden als flatterhaftes Wesen.

Die neue Stadthalle oder der Rathauskomplex waren zwar allesamt große Bauvorhaben der Stadt, doch das größte Bauwerk, das die Reutlinger je gestemmt haben, war die Stadtbefestigungsanlage, informierte Tilmann Marschall, der bei seinen nachmittäglichen Führungen das Zeughaus, den Kesselturm und die Stadtmauer thematisierte.

Nachdem die Reutlinger einst das Stadtrecht erhalten hatten, legten sie einen bis zu zwölf Meter breiten und rund fünf Meter tiefen Stadtgraben (die Straßenbezeichnung Ledergraben erinnert noch heute daran) an, danach errichteten sie Stadtmauer samt Stadttoren, um gut gegen die Feinde gewappnet zu sein. Der Bau der Mauer beschäftigte wohl so an die drei Generationen - Marstaller sprach jedenfalls von "70 Jahren Mauerbau."

Als es dann 1519 aber Herzog Ulrich dennoch gelungen war, die Reichstadt zu stürmen, war es dringend an der Zeit, in Sachen Bollwerk nachzubessern. Die Reutlinger taten dies, indem sie eine Zwingeranlage bauten: Dabei wurden neun Meter vor der Stadtmauer eine Zwingermauer sowie Zwingertürme errichtet, erklärte der Archäologe und Bauforscher, bevor er die zahlreichen Besucher ins Innere des Zeughauses führte. Das befindet sich übrigens vis-à-vis vom Zwingerturm, der in der Stadt - wenn auch fälschlicherweise - eher als "Warsteiner" Turm bekannt ist.

Das Zeughaus, das einst der Aufbewahrung von Waffen diente, entstand, indem 1546 zwischen Stadt- und Zwingermauer ein Dach eingezogen wurde. Auf diese Weise wurde die Stadtmauer an dieser Stelle "perfekt konserviert", erklärte Marstaller, bevor er auf die Besonderheiten der hölzernen Dachkonstruktion und damit auf das Schwerpunktthema Holz, mit dem der "Tag des offenen Denkmals" überschrieben war, zu sprechen kam.

Der Kesselturm neben dem Zeughaus hingegen beeindruckt durch seine massiven Steinmauern. Doch auch für dieses solide Mauerwerk brauchten die Reutlinger jede Menge Holz, und zwar in Form von Brennholz: Der Mörtel, den man für den Mauerbau in rauhen Mengen benötigte, wurde damals mit gebranntem Kalk angerührt, löste Tilman Marstaller das Rätsel auf.

Auf dem Wehrgang entlang der Jos-Weiß-Straße, den die Teilnehmer am Ende der Führung begehen durften, ist das verbaute Holz dagegen mit bloßem Auge sichtbar. Dieser Wehrgang wurde nach dem Stadtbrand im Jahre 1729 wieder aufgebaut. Am Mauerwerk sind noch Spuren des Brandes zu sehen.

Für den Wiederaufbau der Dachkonstruktion wurde teilweise Eichenholz verwendet, das in der Wegstschen Mühle bearbeitet worden war. Weil Holz damals aber ziemlich rar gewesen war, mussten die Bauherren dummerweise auch bei ihrem Erzfeind eingekaufen: Die Nadelholzbalken stammen aus dem Wäldern der Württemberger.

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