Süßer Duft von Zuckerwatte

Eine süße, bunte Mischung bot das Weihnachtskonzert der Württembergischen Philharmonie Reutlingen in der Stadthalle. Solist war Ulrich Herkenhoff an der Panflöte, am Pult dirigierte Frank Zacher.

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Der bekannte Panflötist Ulrich Herkenhoff war Gastsolist beim Philharmonie-Konzert in der Stadthalle Reutlingen.  Foto: 

Wenn's auf das Christfest zugeht, darf's gern etwas für Herz und Gemüt sein. Auch die Württembergische Philharmonie macht dann keinen Bogen mehr um verzeihlichen Kitsch - der Ansturm des Publikums gab ihr Recht. Dieses durfte sich sogar auf Mitwirkung einstellen: Auf den Stühlen im großen Saal lagen Textblätter mit "Es ist ein Ros' entsprungen" aus.

Auch der Gastsolist fand Sympathie bei den Zuhörern. Der Panflötist Ulrich Herkenhoff wohnt seit zwei Jahren "mitten im Städtle", wie er am Ende bekanntgab (Moderation gab es keine). Seine Aufgabe sieht er unter anderem darin, die Panflöte "als seriöses Konzertinstrument zu etablieren".

Dies ist nicht einfach. Als Relikt aus ferner Zeit, in der das Grifflochbohren noch nicht erfunden war, eignet sich die Panflöte nicht unbedingt für Musik, die ihren technisch hochgerüsteten Nachfahren in die Klappen komponiert wurde.

Man bedenke: Jeder Ton hat seine eigene Klangröhre! Das Spiel erfordert technische Meisterschaft, zumal Halbtonschritte und Vibrato durch Drehen und Wackeln am Instrument erzeugt werden - für heutige Flötisten ein irritierender Anblick.

Das Orchester lieferte einen sinfonischen Rahmen samt Zwischenstücken. Frisch-forsch kam der Auftakt mit Humperdincks "Königskinder"-Ouvertüre, das schneidige Dirigant von Frank Zacher erinnerte auch bei den zwei weiteren romantischen Raritäten von Tschaikowsky und Raff - mit Verlaub - fast an soldatischen Drill, der Klang konnte sich nicht wie sonst entfalten. Zachers Hauptaufgabe bestand in der Koordination von Solist und Orchester, die hie und da gefährdet schien, da die Panflöte offenbar keine Gewähr für mühelose Live-Virtuosität bietet.

Wunderbar anrührend gelangen Herkenhoff jedoch die ruhigen, sanglichen Stücke von Händel und Rutter, weich gehaucht mit einem Ton wie Zuckerwatte. Die Auszüge aus Bachs h-Moll-Suite hingegen wirkten angestrengt und trocken, da die gezierte Barock-Eleganz auf der Panflöte nicht realisierbar ist. Stilistisch passender: die Rumänischen Volkstänze von Béla Bartók in ihrer frei interpretierten archaischen Wildheit.

Der zweite Teil des Programms war der Sparte Film gewidmet. Auch wenn vermutlich nicht alle den "Duft von Lavendel" oder die Heimatserie "Zwei am großen See" kannten, ließ man sich gerne vom freundlichen Sentiment und der mozartischen Anmutung der Melodien bezaubern, die Herkenhoff wie klingende rosa Wölkchen über den großen Saal schweben ließ.

Großes Musik-Kino verhieß die Suite "Cinema Morricone", zu welcher der Solist gleich drei Panflöten mit aufs Podium brachte. Sie erwies sich allerdings als etwas langatmig; die zuvor straff angezogenen Tempi durften sich nun wohlig in die Breite dehnen wie weicher Lebkuchen, überzuckert mit sanftem Flötenton und gewürzt durch virtuose Einlagen.

Dazu passte die nostalgische Idylle aus "Der englische Patient" und ein Weihnachtsliederpotpourri ("Around the World at Christmas Time") als Vor-Finale, dessen mittlere angloamerikanische Teile für viele vermutlich neu waren, beschlossen von "O du fröhliche" mit strahlenden Blech-Fanfaren.

Selbstverständlich musste noch eine Panflöten-Zugabe folgen: das Paradestück aller Virtuosen, "Hora staccato" von Dinicu. Beim definitiven Schluss durfte dann das Publikum zum Textblatt greifen und mitsingen - wäre das nicht eine Programmidee für das sangesfreudige Reutlingen? Jedermann-Singen mit der Philharmonie!

Das nächste Sinfoniekonzert der Philharmonie

· Montag, 14. Dezember, 20 Uhr Stadthalle Reutlingen: Mozarts "Haffner"-Sinfonie, Klavierkonzert Nr. 2 g-Moll von Camille Saint-Saëns und Sinfonie Nr. 1 C-Dur von Georges Bizet - mit Jean-Philippe Collard (Klavier) und Darrell Ang (Leitung). Der 36-Jährige Ang stammt aus Singapur und war zuletzt Chefdirigent des Sinfonieorchesters der Bretagne. Zuvor, am 13. Dezember, gastiert die Philharmonie mit diesem Programm im berühmten Münchner Herkulessaal.

SWP

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