Spürbare Menschlichkeit

Zusammen mit Landrat Thomas Reumann war Beate Müller-Gemmeke gestern in der Ypernkaserne und im ehemaligen Altenheim in der Ringelbachstraße. Ihr Fazit: "Ich sehe, dass sich der Landkreis anstrengt."

|
Vorherige Inhalte
  • Grünen-Bundestagsabgeordnete Beate Müller-Gemmeke informierte sich gestern vor Ort zusammen mit Landrat Thomas Reumann in den Asylbewerber-Unterkünften im Ringelbachgebiet über die Situation der Flüchtlinge. Fotos: Norbert Leister 1/2
    Grünen-Bundestagsabgeordnete Beate Müller-Gemmeke informierte sich gestern vor Ort zusammen mit Landrat Thomas Reumann in den Asylbewerber-Unterkünften im Ringelbachgebiet über die Situation der Flüchtlinge. Fotos: Norbert Leister
  • Im ehemaligen Altenheim Ringelbachstraße leben zurzeit 26 Flüchtlinge. 2/2
    Im ehemaligen Altenheim Ringelbachstraße leben zurzeit 26 Flüchtlinge.
Nächste Inhalte

Bis zu fünf Menschen schlafen, wohnen, essen und leben im Erdgeschoss eines Gebäudes der ehemaligen Ypernkaserne in einem Zimmer. Es ist eng, die jungen Männer aus Togo sitzen quasi aufeinander, "hier sind Menschen, die sich vor ihrer Flucht nicht kannten, die vielleicht Analphabeten sind, nur arabisch schreiben oder sprechen, die Christen oder Muslime sind", erzählt Konrad Borst. Seit vielen Jahren bringt er sich ehrenamtlich ein in den Kontakt mit den Flüchtlingen, versucht zu helfen, wo es nur geht. "Die haben es nicht leicht, diese jungen Menschen."

Abdul Rafiu Kpelafia ist einer unter im Moment etwa 60 Flüchtlingen, die gerade auf wenigen Quadratmetern im Erdgeschoss in dem Gebäude in der Kaserne leben. Die anderen jungen Männer stammen aus Syrien, Eritrea, Afghanistan, fast alle kamen mit Schleppern über das Mittelmeer. Bei den meisten von ihnen haben die Familien alle Ersparnisse zusammengekratzt, um einem Sohn der Familie die Fahrt auf den reichen Kontinent zu ermöglichen, berichtet Borst. "Für die ganze Familie würde das Geld nie reichen." Und natürlich erhoffen und erwarten die Familien im Heimatland, dass der Sohn nach seiner Ankunft in Europa die Familie zuhause unterstützt. Und dann sitzen die jungen Männer als Asylbewerber erst mal bis zu zwei Jahre zusammengedrängt in einem winzigen Zimmer. "Die jungen Menschen hier haben es wirklich nicht leicht", wiederholt Borst.

Nach dem Besuch im ehemaligen Altenheim in der Ringelbachstraße bei dort lebenden 26 Flüchtlingen, zieht der Tross um die Grünen-Bundestagsabgeordnete Beate Müller-Gemmeke und Landrat Thomas Reumann in das Gebäude in der Ypernkaserne ein. In einem Zimmer mit fünf Männern aus Togo nehmen sie Platz, sprechen mit den Asylbewerbern wie etwa Kpelafia. Er spricht nach sechs Monaten in Deutschland schon recht gut Deutsch, versteht fast alles. Er berichtet über sein Land, warum er hierhergekommen ist.

So wie er träumen auch die anderen jungen Männer von einem besseren Leben, davon, ihre Familien in Togo unterstützen zu können. Sie hoffen auf Arbeit, wollen sich hier integrieren, lernen fleißig die Sprache. Und das, so der Landrat, sei der Schlüssel, um hier in Kontakt mit den Reutlingern zu kommen, um die Voraussetzung zu schaffen, dass sie überhaupt Aussicht auf einen Job kriegen könnten. Denn: Ohne Sprachkenntnisse geht gar nichts, sagt Reumann.

Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan haben die besten Aussichten, dass sie in Deutschland bleiben können, betont Dr. Hendrik Bednarz. Er ist beim Landkreis für die Flüchtlingsunterbringung zuständig. "Die Situation ist sehr schwierig, weil viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen", versucht der Landrat den fünf Togoern die Situation zu verdeutlichen. Deshalb haben sie in ihrem Zimmer so wenig Platz, deshalb müssen sie auf so beengtem Raum leben.

"Wenn Sie Wünsche oder Anregungen haben, besteht jetzt die Möglichkeit, dies dem Landrat mitzuteilen", sagt die Grünen-Bundestagsabgeordnete Beate Müller-Gemmeke zu den fünf jungen Männern um Kpelafia. "Wir sind zufrieden", sagen sie ohne lange zu überlegen. Was sie selbst denn tun könnten, um sich hier in Reutlingen zu integrieren? "Wir wissen, dass wir nicht zurück nach Togo können, was können wir tun, um besser in Deutschland anzukommen?"

Das eine sei das offizielle Verfahren, dem sich alle Asylbewerber hier unterwerfen müssen, erläutert Reumann. "Sollte Ihr Antrag abgelehnt werden, ist es vielleicht möglich, dass Sie eine zeitlich begrenzte Aufenthaltserlaubnis kriegen", so der Landrat. "Das Wichtigste, was Sie hier tun können, ist die Sprache zu lernen", fügt er an. Die fünf Männer nicken wissend.

Was Beate Müller-Gemmeke aus dem Besuch in den beiden Flüchtlingsunterkünften mitnimmt? "Ich sehe, dass der Landkreis sich anstrengt", betont sie. In anderen Regionen Deutschlands sei das anders. "Ich weiß aber auch, dass die Asylverfahren sehr lange dauern, das bedeutet permanente Unsicherheit für die Flüchtlinge", sagt die Grünen-Politikerin. "Wir brauchen mehr Personal, um den Ablauf der Verfahren zu gewährleisten", fordert sie. "Das kostet Geld und das muss besser verteilt werden." Zustimmung kommt vom Landrat als sie hervorhebt: "Die Bundesregierung muss mehr Geld an die Kommunen geben."

In Jordanien als Nachbarstaat zu Syrien seien momentan 1,5 Millionen Flüchtlinge untergekommen, "da muss es doch möglich sein, dass Deutschland 200.000 Menschen aufnimmt", so Müller-Gemmeke. Dennoch betont sie: "Ich bin froh, hier eine so gute Stimmung zu erleben." Thomas Reumann lobt das Engagement der vielen Ehrenamtlichen, denn: "Das ist die beste Antwort auf Pegida." Kurz vorher hat Konrad Borst gesagt: "Bei aller Problematik des Ganzen - manchmal komme ich einfach hierher, um mich zu erholen." Erholen? "Ja, denn hier bei den Flüchtlingen ist die Menschlichkeit so unmittelbar spürbar."

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

 „Mogli“ hilft den Pädagogen

Sechs weitere Projekte im laufenden Jahr unterstützt das Spendenparlament mit insgesamt 12 885 Euro. weiter lesen