Sommertheater – Premiere im Spitalhof

Durchgeknallt mit Pauken und Trompeten. Und trotzdem etwas pferdefußlahm: So kommt das neue Tonne-Sommertheater von Jan Mixsa im Spitalhof rüber.

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Stimmungsvolles Ambiente: Die Tonne zeigt im Spitalhof Christian Dietrich Grabbes Lustspiel „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“.  Foto: 

Die Welt, so weiß der Teufel, ist nur ein „mittelmäßiges Lustspiel, welches ein unbärtiger, gelbschnabeliger Engel“ aus der Prima „während seiner Schulferien zusammengeschmiert hat“ – kein Wunder, dass die Protagonisten allesamt Blender, Heuchler, Idioten, Ausbeuter und unkreative Schnarchnasen sind.

Die Frage stellt sich, ob man angesichts einer solch grottigen Welt wenigstens eine lustige Satire auf sie hinbekommt. Bei der Tonne-Version von „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ wiederum fehlt ein wenig der Pfeffer, der Tumult, das Tempo, das Chaos. Auch wenn sich das Ensemble redlich bemüht, ein wenig Schwung in das brave Kabarettstückchen zu bekommen.

Erst nach der Pause gibt’s im textlastigen Stück ein wenig Action, wenn der Teufel als Jahrmarktssensation in die Falle gelockt wird und sich die drei Schauspielerinnen immer noch nicht geeinigt haben, wer denn jetzt die Liddy spielen darf. Oliver Kube wird’s zu bunt, schnappt sich die Rolle, verheddert sich aber genauso darin wie der Teufel in seinen Streichen – ein schönes Bild, wie Liddy und der Teufel rot umwickelt in ihren horizontalen Zinkbadewannen dastehen wie zwei Denkmäler am Marterpfahl auf Golgatha.

Eine Badewanne auf ihrem hölzernen Kasten wurde zuvor schon - „Hoppi Galoppi“ – in eine Kutsche verwandelt. So wie alle klapprigen Requisiten und Materialien, Badewannen, Käseglocken, Leitern, Topfdeckelbrüste, Holzkästen, Blechtrichter und der lange rote Seidenschal sehr einfallsreich ineinander verwoben und verflochten sind und permanent umfunktioniert werden. Überall rumpelt und klackert es – das kreative Teufelchen steckt hier sehr im Detail, kann aber auch nicht verhindern, dass die von Grabbe schon 1822 angelegte Situationskomik und die aktualisierten Pointen nicht immer ganz so knackig zünden. Trotz der üppigen Anspielungen auf Dichter, Politiker und Zeiterscheinungen.

Hier wird nicht nur Thomas Manns Zauberberg als Schlafmittel zerrissen, hier werden auch Simmel, Hesse, Rilke und Coelho als Damenschriftsteller verunglimpft, auch Erdogan, Merkel, Putin bekommen ihr Fett weg, und Griechenland wird in den Freiheitskampf geschickt. Die Schauspieler geben alles, streiten sich um die Rollen, wechseln sich in ihnen ab, geben jeder Figur eine entsprechend skurrile Note und kommen in irren Kostümen daher: eine durchgeknallte commedia dell’arte, in der alles erlaubt ist, auch karnevalistischer Schwachsinn.

Michael Schneider hat die Musik und die Ouvertüre komponiert, die verkündet, dass die ganze Farce in Reutlingen stattfindet. Zudem steht er auch als Schulbub unter der Fuchtel des dauerbesoffenen Schulmeisters von Agnes Lampkin, der den armen Bub – Schneider grinst verstrahlt in die Runde und sagt lieber gar nichts – dem Baron als hochbegabtes Dichtertalent unterjubeln will. Schneider führt auch die schaurige Ländler-Blaskapelle mit Pauke, Dirndl und Trompete an, mit dem das Ensemble durch den Spitalhof zieht, so wie Regisseur Jan Mixsa choreographisch alles feinstens durchgestylt hat. Auch den Naturkundler-Chor, der den trotz Hitze erfrorenen Teufel erforscht und dabei feststellen muss: Es ist kein Rezensent und auch keine Pastorentochter, es ist der Teufel persönlich und es gibt ihn wirklich, auch wenn er nicht ins System passt – und in seiner „Hässlichkeit an eine deutsche Politikerin“ erinnert.

Thomas B. Hoffmanns Teufel gibt sich als Generalsuperintendent aus, der in Plochingen Theologie studiert hat und aufgrund seiner Melancholie dringend mal zum Psychiater müsste. Kein Wunder hat ihn die Oma aus der Hölle gejagt, damit sie dort ordentlich durchputzen kann. Thomas B. Hoffmann ist als Teufel eigentlich ganz sympathisch, stiftet Rauch, Verwirrung und Intrige: Die Frauen freut’s, sie sind ja „in die Verrücktheit ganz vernarrt“.

Chrysi Taoussanis, Carla Weingarten und Agnes Lampkin – wenn sie nicht gerade in grausligem Dialekt irgendwelchen anderen Figuren Sprechfarbe verleihen – streiten sich um die Liddy-Rolle: eine Illusionsbrechung. Interessant in einem Stück, das eine Illusion erst gar nicht versucht. Und so werden die Figuren munter schizophreniert und multipliziert. Auch der manisch-depressive Tonmeister Igor mischt mit und schickt einen Störton, sobald er von den Protagonisten beleidigt wird.

Eine Mexikanercombo singt mit Waschbrett und Banjo einen Countrysong: „Mein Kopf ist leer, drum wurd’ ich Politikeer.“ Sehr cool Chrysi Taoussanis als Graf Ochs, der mit dem Teufel um Liddy schachert. Michael Schneider wiederum zitiert als gigantomanischer Dichter Rattengift Wittgenstein: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“

Shakespeare schreibt heute Erläuterungen zu Donna Leon, Homer hat Heidenreich geheiratet, Schiller seufzt über Sarrazin. Oliver Kube als liebeskranker Herr Mollfels macht bis zum Zusammenbruch den Verwandlungskünstler, von Lucas Cordalis bis zu Joseph Adolf von Storch. „Der Deutsche ist zu gebildet und zu vernünftig, als dass er eine feinere Lustigkeit dulde.“

Weitere Vorstellungen – Tickets

Tonne-Sommertheater: „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ von Christian Dietrich Grabbe – weitere Aufführungen: am 9., (die Vorstellung am 10. ist abgesagt worden), 13. bis 17., 20. bis 24. und 27. bis 31. Juli, jeweils um 20 Uhr, sonntags um 18 Uhr. Bei schönem Wetter open air im Spitalhof, bei schlechtem Wetter in der Tonne-Spielstätte Planie 22 – dazu gibt’s ein Info-Telefon ? (0 71 21) 93 77 0.

Karten gibt es unter der oben genannten Telefonnummer und online auf www.theater-reutlingen.de.

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