So viele Rathäuser - und eine rote Ampel

"Mir nach", sagt Martin Fink. 15 Flüchtlinge und sechs Pfullinger folgen ihm. Doch das erste Hindernis wartet schon auf den multinationalen Tross: eine rote Ampel. Ein perfektes Lehrbeispiel für korrektes Verhalten.

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17 Flüchtlinge sind seit dem vergangenen Jahr in Pfullingen in Einzel-Wohnungen untergebracht - und fast alle sind sie da an diesem Samstagnachmittag, an dem Martin Fink zum Stadtspaziergang einlädt. Der Stadtrat und Geschichtsexperte will den vier Familien aus dem Kaukasus, dem Iran, Syrien und Mazedonien zeigen, wo sie in Pfullingen was finden. Einen Bolzplatz und eine Tischtennisplatte zum Beispiel. Oder eine zentrale Bushaltestelle. Und er will die Frage klären, wo welcher Amtsgang zu erledigen ist. Denn wie die Bahramis aus dem Iran bereits erkannt haben: "So viele Rathäuser hier." Tatsächlich sind es vier. Und bürokratische Hürden lauern in jedem Einzelnen von ihnen.

Los geht's vor dem Bürgertreff, in dem die Pfullinger Flüchtlingsaktivitäten seit kurzem koordiniert werden. Schon nach wenigen Metern muss Martin Fink lächelnd, aber mit erhobenem Zeigefinger "Stopp" rufen. "Eine rote Ampel - da müsst Ihr stehen bleiben", legt er den Flüchtlingskindern mit Nachdruck ans Herz. Die Verkehrsregeln zu beachten - das kann gerade an der Großen Heerstraße schon lebensrettend sein.

Schade nur, dass die Dolmetscherin, die heute mit durch Pfullingen laufen sollte, jetzt doch nicht dabei sein kann. Die Kufris, die seit drei Monaten in Pfullingen sind, verstehen nicht wirklich viel - andererseits: mit Zeichensprache lässt sich einiges erklären. Über die Bushaltestelle am Laiblinsplatz geht's zur Wohnanlage am Klostersee, "die so schön ist", wie der iranische Familienvater erstaunt feststellt, während Martin Fink dem Tross gerade Gerda und Fritz vorstellt, das Schwanenpaar, das auf dem See seit langem zuhause ist.

Auch die Bahramis sind schon seit längerem in Pfullingen - über die Marktstraße aber noch nie wirklich hinausgekommen. Der Bolzplatz an der Klosterkirche? Der Bahnhofsanger mit dem Spielplatz? Die Bücherei? Alles Neuland für die meisten Flüchtlinge.

Neuland - das ist auch der Umgang mit den Asylbewerbern für die Pfullinger, die an diesem Nachmittag mitspazieren. Karl Wagner vom Bürgertreff zum Beispiel will seinen Beitrag zur Integration leisten. Und auch Karin Dittmann, die als Kontaktperson zum Ökumenischen Arbeitskreis mit dabei ist, will Willkommenskultur vermitteln. Mittendrin: eine ältere Dame mit Rollator. Es ist Ortrud Niethammer, in Riga geboren und 1945 über Polen nach Deutschland gekommen. "Ich will den Leuten helfen - schließlich war ich ja selbst einmal ein Flüchtling", sagt sie. Vielleicht, überlegt die Pfullingerin, könnte sie mit den Kindern der Asylbewerber mal einen Spielenachmittag veranstalten.

Derweil zieht die Gruppe weiter auf ihrer Erkundungs-Tour durch die Stadt. Selbst das Mühlendenkmal, dessen Standort wohl nicht einmal alle Einheimischen finden würden, schauen sich Fink und seine Mitspaziergänger an. Ein Glück nur, dass das Wetter perfekt ist. Die Sonne scheint warm auf den Klostersee und lässt das Wasser glitzern. Es ist ein Tag, der wie gemacht ist für Willkommenskultur. Es könnte mehr davon geben.

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