So richtig abheben

Unglaublich, aber wahr. Am Ende groovt Klaus Doldinger Solo-Riffs ins Publikum, und die volle Halle antwortet singend. Ein denkwürdiges Konzert.

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Der Mann ist ein Wunder. Mit 78 Jahren steht er auf der Bühne - oben korrekt gekleidet wie immer mit Anzug und Krawatte, unten locker federnd in Sneakers. Lässig-launig moderiert er durch den Abend und lacht sich scheckig, wenn er sich verplaudert. Oder wenn er bei seinen Geschichten übers geplante Album "Passport en route" kurz den Faden verliert und alle auf seinen Einsatz warten - bis er es schnallt: "Ach so, ich muss ja das Saxophon nehmen, Kruzifix!"

Klaus Doldingers Band "Passport" wagte am Donnerstag ein "Symphonic Project" mit der Württembergischen Philharmonie unter Leo Siberski in der Stadthalle. Und gleich vorweg: Im Vergleich zu manch superdünnen, banalen Aufgüssen, die sonst so unter dem Stichwort Crossover von Megastars à la David Garrett abgeliefert werden, kommt Doldingers Programm hochgradig ambitioniert und kraftvoll, kompakt und zündend daher. Schon erstaunlich, wie farbenreich er sein überarbeites Jazzconcertino für Band und Orchester (1968) präsentiert. Mit aparten Farbmischungen und herbschönen Reibungen erinnert diese Eigenkomposition des wohl wichtigsten deutschen Jazzsaxers an Einflüsse von Bartók und Strawinsky - stark die Oboe, das Fagott und das bratzende Blech. "Wunderbar gespielt", lobt Doldinger Richtung Philharmonie. Und hat dabei nicht einmal übertrieben.

So richtig los knattert die Band "Passport" dann ohne Orchester. "Ataraxia", "Seven To Four" - solche Titel geraten in der Stadthalle zu Sternstunden eines kantigen, voll dröhnenden Rock-Jazz-Idioms, das einfach abgeht - verfeinert mit virtuosen Bebop-Exkursen. So knackig-vital, dass die Halle bebt.

Keyboarder Michael Hornek etwa: Er vernebelt den Raum mit mysteriös wabernden Synthi-Klangwolken, macht zwischendurch einen auf Debussy und jazzt im nächsten Moment dann wieder so irrwitzig-heftig davon, dass selbst das Reutlinger Werkkonzert-Publikum aus dem Häuschen gerät.

Klar, Doldingers Filmmusik-Evergreens gehören unbedingt hierher - "Das Boot" mit dem Echolot-Einstieg, der unverwüstliche "Tatort"-Ohrwurm und "Die unendliche Geschichte" (schön schwebend die Flöte). Siberski inszeniert das alles im opulenten Breitleinwand-Sound - seidige Streicher, fettes Blech, große Kino-Gefühle.

Und immer wieder Doldingers unverkennbarer Personalstil auf allen möglichen Saxophon-Röhren: Wie er butterweich in die Töne gleitet. Wie er satte, breite Akzente setzt. Wie er rhythmisch loskachelt. Und irgendwann in die Knie geht, das Ganze expressiv auf die Spitze treibt. Das ist hohe Schule. Doldinger zu allen Mitwirkenden: "Als Musiker kann man auf den Klängen, die ihr da bietet, richtig abheben." Das Publikum konnte es auch.

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