So gesehen: Ein guter Tag?

Das fängt ja gut an: Die Zeitung steckt rechtzeitig im Briefkasten, der Morgentee ist nicht glühendheiß und die Außentemperaturen noch erfrischend.

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Das fängt ja gut an: Die Zeitung steckt rechtzeitig im Briefkasten, der Morgentee ist nicht glühendheiß und die Außentemperaturen noch erfrischend. Auf dem Weg zur Arbeit fährt mich kein Radler auf dem Gehweg fast über den Haufen, der Zug ist pünktlich, nicht überbelegt, dafür wohl temperiert. "Freuen wir uns über die Normalität, alles läuft, wie es soll", sage ich zu der freundlichen Zugbegleiterin - sie lächelt. Autor François Lelord hat recht, wenn er in "Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück" den Protagonisten sagen lässt: "Glück ist eine Sichtweise auf die Dinge".

Ein Kollege hat klugerweise morgens die Fenster in der Redaktion geöffnet, der andere hat Kaffee besorgt, die Konkurrenz ist auch nicht besser, der Chef nervt nicht, kein eiliger Auftrag droht aus dem Ruder zu laufen, und die Terminlage ist geregelt. Selbst die Kommunalpolitik verharrt vor der großen Auskreisungs-Abstimmung im Reutlinger Rathaus gespannt - da winkt doch mal zeitig Feierabend. "Glück ist, wenn man eine Beschäftigung hat, die man liebt", sagt Lelord. Zum Glück birgt der Kühlschrank dann auch genügend Getränke - heute ist ein guter Tag. Solche sind leider allzu selten. Man sollte ihn im Kalender rot anstreichen.

Nachtrag: Als diese Glosse gerade fertig war, kam alles ganz anders. Um 12.56 Uhr vermeldete die Pressestelle der Stadt Tübingen, dass in unserem Viertel rund 200 Meter Luftlinie entfernt von meinem Haus bei Tiefbauarbeiten auf dem früheren Güterbahnhofsgelände eine Zwei-Zentner-Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden wurde. Die Entschärfung wurde auf 20 Uhr angesetzt, ab 17 Uhr wurden Wohn- und Geschäftshäuser im Umkreis von 300 Metern geräumt und Straßensperren errichtet. Ein Supermarkt an der Reutlinger Straße musste schließen, die Stadtverwaltung im Blauen Turm ihre Arbeit einstellen. Die Straßen in dem Bezirk, darunter die viel befahrene B 28, wurden für den Verkehr gesperrt, der Bahnverkehr Tübingen-Reutlingen war von der Evakuierung ebenso betroffen wie der Bootsverkehr auf dem Neckar. Frühestens nach 21 Uhr könne man wieder in die Häuser zurück, hieß es am Nachmittag.

Ich nehme hiermit meine Behauptung zurück: Kein guter Tag!

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