So gesehen · Jäger und Gejagte: Säue ohne Grenzerfahrung

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Vorbild Frischlinge: Sind auch Stadt und Jagdgenossenschaft in Zukunft in entgegengesetzten Richtungen unterwegs?  Foto: 

Die Wildsäue, die wissen halt nicht, wann sie unseren Eigenjagdbezirk verlassen." Stadtpfleger Roland Deh skizziert mit diesem kurzen, aber inhaltsschweren Satz die geballte Problematik, die ab dem 1. April auf die Pfullinger zu galoppieren könnte. Denn in den beiden neuen städtischen Eigenjagdbezirken gilt ab dem nächsten Monat das System der Begehungsscheine. Sollte die Jagdgenossenschaft dieser Neukonzeption in ihrer Versammlung am 18. März nicht zustimmen, dann "haben wir ein Riesenproblem mit der Landwirtschaft". Sagt Deh.

Denn das neue System soll Wald und Flur vor den Schäden, die die Wildtiere anrichten, schützen. Nachts im Wald (städtischer Bezirk) pennen, und tags auf die Wiese zum Fressen (jagdgenössischer Bezirk) - das könnte üble Folgen haben. Weshalb "die Bejagung im Paket" (Deh) die einzig sinnvolle Lösung ist. Für die sollen die Jagdgenossen nun grünes Licht geben - und zwar mit zweifacher Mehrheit. Zum einen müssen die meisten der anwesenden Personen zustimmen, zum anderen muss das Gros der "anwesenden Flächen" dafür sein - was nur deshalb machbar ist, weil letztere durch erstere vertreten werden.

Um einem weit verbreiteten Irrtum vorzubeugen: Jagdgenossen sind nicht immer Jäger. Es können auch Landwirte sein - oder andere Leute, denen eine Fläche gehört, die bejagbar ist. Menschen also, die noch nie ein Gewehr in der Hand hatten - dafür aber schon Besuch von Schwarzwild auf ihrem Flurstück. Roland Deh ist zuversichtlich, dass die Jagdgenossen nicht nur der neuen Satzung, sondern dem ganzen System zustimmen. Wäre auch blöd wenn nicht - vor allem aus Sicht der Waldökologie, die mit dem neuen Konzept wieder hergestellt werden soll.

Freilich sind's nicht nur die Jagdgenossen, die dem Stadtpfleger derzeit zu schaffen machen. Es sind auch die Jagdpächter, die bis zum 12. März Anregungen für den Inhalt des Begehungsscheins äußern und vier Tage später zur Besprechung bei der Stadt erscheinen sollen. Das Interesse an den Scheinen ist groß, bestätigt Deh. Was kein Wunder ist, weil die bestehenden Pachtverträge nach zehn Jahren zum 31. März ablaufen. Und weil dann ohne Begehungsschein - wie der Name schon sagt - nichts mehr geht. Inhaltlich haben die übrigens einiges zu bieten: Wer zum Beispiel mehr als vier Stück Schalenwild abschießt, bekommt ab dem fünften einen Bonus. Es werden ihm 100 von den 850 Euro, die er jährlich für die Berechtigung zu zahlen hat, erlassen. Wiegt ein Reh, das getötet wird, weniger als sieben Kilo, wird das Tier seinem Erleger sogar kostenfrei überlassen. "Das ist unser Versuch, den Jägern die Freude an der Jagd zu vermitteln", argumentiert Deh.

So freudig sahen die Waidmänner bei der jüngsten Gemeinderatssitzung aber gar nicht aus. Im Gegenteil. Mitten im jagdlich befriedeten Bereich "Stadtmitte", dessen Herzstück das Rathaus ist, ging's bei dem Thema arg zwistig zu. Was Deh versteht, weil viele Jäger angesichts der Begehungsscheine und Eigenjagdbezirke ihre Pfründe davonschwimmen sehen. Zumal sie ihren Schein ruckzuck verlieren könnten, wenn sie sich nicht an die Vorgaben halten. Oder wie der Stadtpfleger sagt: Vor der Neukonzeption war die Stadt ganz weit weg mit ihrem Einwirkungsrecht aufs eigene Gelände. Ab 1. April ist sie ganz nah dran. Für die Jäger kein Scherz.

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