So gesehen · Freizeit und Genuss: American dream oder des Grillers höchstes Glück

Ja, ich habe jetzt auch einen! Einen jener glänzenden Gourmet-Altäre, für die sich die Bezeichnung mobiler Gasgrill fast verbietet. Mit dem Gerät des noblen amerikanischen Herstellers hat meine Karriere als Outdoor-Küchenchef ihren Zenit erreicht.

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Ja, ich habe jetzt auch einen! Einen jener glänzenden Gourmet-Altäre, für die sich die Bezeichnung mobiler Gasgrill fast verbietet. Mit dem Gerät des noblen amerikanischen Herstellers hat meine Karriere als Outdoor-Küchenchef ihren Zenit erreicht. Mit Garantien bis zu 25 Jahren auf manche Teile wird mich dieses bis ins Detail durchdachte Wunderwerk auch vermutlich "vollends ausheben", wie der Schwabe sagt.

Dabei war mir solcher Luxus beileibe nicht in die Wiege gelegt. Wie bei den meisten Zeitgenossen datieren meine ersten Freiluft-Nahrungszubereitungen im Kindesalter, als beim Schulausflug mit Rucksackvesper die obligatorische Rote Wurst auf dem zuvor eigens abgebrochenen und spitz geschnitzten Stecken in der offenen Flamme des Lagerfeuers angekokelt wurde - und vielleicht gerade deshalb einzigartig mundete.

In der Jungmänner-Clique auf glühendem Koks - mangels anderer Glut - außen verkohlte, dafür innen rohe Hühnerleichen markierten einen weiteren Höhepunkt meiner Grillerentwicklung. Zum Glück gab es Anfang der 70er vermutlich noch keine Salmonellen - schlecht wurde uns allesamt von etwas ganz anderem.

So wie das Grillen in den vergangenen Dekaden breiteren gesellschaftlichen Raum und Kultstatus gewann, entwickelte sich auch die persönliche Gerätschaft. Wackelige Pressblech-Massenware, nach dem ersten Gebrauch nurmehr eine Rostskulptur, wurde abgelöst von einem praktischen Gaskoffergrill, der erlaubterweise auf brandgefährdeten südlichen Campingplätzen wertvolle Küchendienste leistete. Dem schmucken Edelstahl-Säulengrill, der klassisch mit Holzkohle für guten Geschmack sorgte, folgte das vom Nachbarn abgelegte französische Gaz-Mobil, das dank seiner schweren Deckelklappe mit Sichtfenster mir die Dimension des indirekten Grillens und Garens erschloss. Mit dem Resultat auf dem Teller gingen die meisten Esser durchaus d'accord.

Nun also der - auto-bildlich gesprochen - Aufstieg vom altersschwachen Renault zum funkelnagelneuen Cadillac sponsored by friends als Geburtstagsgeschenk. Die Besorgung übernehmen dankenswerterweise Frau und Tochter, die sich den zentnerschweren Monsterkarton im Betzinger Möbelhaus von Manneskraft in die Familienkutsche hieven lassen und mir brav jene ehernen Verhaltensregeln wiedergeben, die ihnen der freundliche Fachverkäufer in der halbstündigen Einführung mitgegeben hat. Katzenstreu oder Sand in die Fettauffangwanne und den porzellanemaillierten Gussgrillrost niemals mit Wasser reinigen, sondern nur gründlich bürsten und einölen sind die wichtigsten.

Den freien Samstag nutze ich, um aus den Tiefen des perfekt gepackten Kubus - unglaublich, wie raffiniert und stabil Pappkarton gestaltet werden kann - die zahllosen Einzelteile ans Tageslicht zu fördern. Die Bauanleitung - deutlich verständlicher als bei Ikea und Co. - bringt mich in 29 Schritten binnen mehrerer Stunden zum ersehnten Endprodukt. Besonders erstaunlich: Ein gotziches Befestigungsteilchen ist überzählig, alles andere stimmt und passt wie im Plan und von den Konstrukteuren so vorgesehen!

Schwarz glänzend und matt-grau, aufgeklappt so groß wie meine Frau, steht sonntags das Eingrillen im Familienkreis an, einer Probefahrt nicht unähnlich. Und der "Spirit", wie die Serie heißt, offenbart von Anfang an seinen Geist, setzt beim Auflegen mit Vollgas wunderbare Brandzeichen und gart im Standgas temperaturkontrolliert perfekt durch - mehr als eine Augenweide: Die Mitesser sind voll des Lobes über das Gerät und seinen Bediener.

Die Kehrseite der Medaille: Nicht nur, dass die Ansprüche steigen ("Als Nächstes wär' 'ne Dorade schön!"), der Reinigungsaufwand gleicht zudem dem eines Kleinwagens. Und den Gartenweg muss ich auch verbreitern. Mein handlicher Franzose passte da gut durch, doch die Amis lieben's einfach größer.

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