So gesehen · BÜRGERWUT: Ein Haus als Körperverletzung

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Die Argumentation des Kurt-Helmut Chlupka klingt bizarr, entbehrt aber nicht einer gewissen Logik: Er betrachtet das Haus, das die Stadt Pfullingen neben sein Schlafzimmerfenster bauen möchte, als Körperverletzung. Dabei beruft sich der 64-Jährige auf Artikel zwei des Grundgesetzes, das er immer griffbereit im Regal stehen hat und zitiert: "Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Person. Er hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit." Die aber sieht Chlupka gefährdet, wenn in der Achalmstraße ein Gebäude mit 1000 Quadratmetern Wohnfläche für 100 Menschen aus dem Boden gestampft wird - und das direkt neben seiner Wäscheleine. "Ich fühle mich von dem Haus bedroht", sagt er und fürchtet eben deshalb um seine Gesundheit. Ja, das muss man dem Pfullinger lassen: Seine Argumentationskette ist schlüssig. Wenn auch nicht auf Anhieb nachvollziehbar.

Seit 1980 lebt der gelernte Kaufmann in der Achalmstraße 73. 45 Quadratmeter groß - oder eher klein - ist sein Zuhause, in dem er nicht wirklich glücklich ist. Denn nicht nur, dass ihn die Stadt nun mit ihrem sozialen Bauprojekt bedrängt, auch seine Beschwerden über die Gasheizung - Chlupka lebt in einem städtischen Gebäude - habe die Verwaltung bislang nicht ernst genommen. Diese und einige weitere Widrigkeiten, die ihm bislang in Pfullingen widerfahren sind, haben ihn bereits im Frühjahr veranlasst, beim Bundesverfassungsgericht Beschwerde einzureichen. "Der wurde dann auch stattgegeben. Ich habe sogar schon ein Aktenzeichen", erzählt der Mann, der sich in und von seiner Heimatstadt diskriminiert fühlt.

Natürlich hat er deshalb auch schon das Gespräch mit Michael Schrenk gesucht. Und das zu einem Zeitpunkt, als der noch gar nicht Bürgermeister in Pfullingen war. Mitten im Wahlkampf, genauer am 23. September 2014, ist Chlupka nach Herbertingen gefahren, um den Amtsanwärter über seine Probleme in Kenntnis zu setzen. Ein Termin, an den sich Schrenk noch gut erinnern kann. "Herr Chlupka hat mich damals besucht, um mir seine persönliche Betroffenheit zu erklären. Eine Stunde haben wir miteinander geredet."

Es sollte nicht das letzte Gespräch der beiden gewesen sein. Zwei Wochen nach Schrenks Amtsantritt, am 27. Januar, machte Chlupka dem neuen Schultes wieder seine Aufwartung. Oder wie der 64-Jährige es formuliert: Er wurde am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz "ins Rathaus einbestellt".

Erneut bracht er seine Anliegen vor. Und: Er ließ anklingen, dass er eigentlich gern wegziehen würde. Nach Potsdam zum Beispiel. Da konnte ihm Michael Schrenk freilich helfen. Er ließ Chlupka kurze Zeit darauf eine ganze Liste mit Wohnungsangeboten zukommen. Allesamt in Potsdam. Natürlich nicht, um ihn loszuwerden. "Sondern um ihm weiterzuhelfen", betont der Schultes. Das war denn der vorerst letzte Kontakt, den die beiden hatten. Sieht man mal ab von der Dienstaufsichtsbeschwerde, die der Bürger aus der Achalmstraße gegen das Stadtoberhaupt eingereicht hat. "Die aber von zwei Stellen abgewiesen wurde und im Sande verlaufen ist", wie der Bürgermeister erklärt.

Nun freilich geht Chlupka erneut zur Attacke über. Der Stadt wirft er vor, dass sie in der Achalmstraße nur deshalb bauen will, "weil sie Geld wittert". Schließlich gebe es für das Gebäude einen Zuschuss, da dort auch Flüchtlinge ein neues Zuhause finden können. Aber auch sozial Schwache und Obdachlose sollen in das Haus einziehen. "Die wollen hier ein Ghetto schaffen" - so interpretiert der Bürger das Vorgehen der Verwaltungs-Mannschaft. Dass er als Hartz IV-Empfänger eigentlich froh sein könne, wenn günstiger Wohnraum für Menschen mit wenig Geld geschaffen werde - der Aspekt zählt für ihn nicht. "Soll die Stadt doch woanders bauen", sagt er - und wischt die Einlassung, dass er da doch nach dem St. Florians-Prinzip agiere, mit einem barschen "Dummes Zeug" vom Tisch.

Auch die Aufforderung des Bürgermeisters - die übrigens an alle Pfullinger adressiert ist -, Einwände und Bedenken gegen den Bebauungsplan Achalmstraße im Rathaus vorzubringen, ist für ihn keine Option. Selbst zu den 203 Pfullingern, die bereits via Unterschriftenliste gegen den Bau, genauer gegen seine Dimensionierung, Einspruch eingelegt haben, will er sich nicht gesellen. Sein Credo: "Ich wehre mich auf meine Art." Und er weiß auch schon, wie es weitergehen soll. Mehr will er nicht verraten.

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