Sinfonik mit Wow-Effekt

Große Sinfonik in den Pfullinger Hallen: Das Martinskollegium präsentierte Werke von Beethoven und Bruckner. Den Klavierpart und das Dirigat übernahmen Hiroko Atsumi und Stefan Bornscheuer.

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Sowohl die Pianistin Hiroko Atsumi wie auch der vielseitige Dozent, Orchesterleiter und Geiger Stefan Bornscheuer waren zuletzt 2009 mit dem Martinskollegium zu erleben. Damals überzeugten sie durch eine ausgefeilte Intensität, die wohl aus der gemeinsamen Arbeit im Artis Piano Quartet herrührt. Ihr guter Ruf und das attraktive Programm zogen nun viele Hörer an, der Saal war voll besetzt.

Gewichtiges stand auf dem Programm: Ludwig van Beethovens drittes Klavierkonzert und Anton Bruckners vierte Sinfonie, die "Romantische". Das Pfullinger Projektorchester war gut besetzt, die Bühne reichte gerade noch aus.

Die Erwartungen in Bezug auf das Klavierkonzert wurden nicht enttäuscht. Die mehrfach preisgekrönte Pianistin Hiroko Atsumi gestaltete ihren eng mit dem Orchester verzahnten Solopart lebendig nuanciert durch differenzierten Anschlag. Ihr konzentriertes Spiel atmete den Ernst und die Würde, die Beethoven zukommen. Natürliche Ausdruckskraft vermittelte auch das Dirigat von Stefan Bornscheuer, der von Haus aus Geiger im Radio-Sinfonieorchester (RSO) Stuttgart ist: Er sorgte dafür, dass die Partitur präzise und beseelt ausgedeutet wurde. Orchester und Solistin gingen gleichberechtigt aufeinander ein, bewusst wurden Dialoge geführt und Übergänge vollzogen.

Romantisches Gefühl und klarer Zugriff verbanden sich zu einer ausgewogenen Darstellung, getragen vom intensiven Engagement der (vorwiegend) Laien-Musiker(innen), denen sich die aus Tokyo stammende Pianistin am Ende unter dem Beifall des Publikums lang applaudierend zuwandte.

Als "Sinfonische Riesenschlangen" wurden Bruckners Sinfonien einmal bezeichnet, und ohne kundige Führung können sich auch Profi-Orchester in ihren Weiten verlieren. Die "Romantik" der Vierten rührt vom Bläsersatz her: Hornrufe wie von fern markieren den Beginn, sonorer Bläserklang in ausgreifenden Motiven prägt den Verlauf der vier Sätze.

Um es gleich zu sagen: Die Hornisten meisterten ihren heiklen Part vorbildlich, klangschön und rein. Insgesamt wurde - abgesehen von kleinen Trübungen - mustergültig und spielfreudig musiziert.

Die Herausforderung liegt in der Dramaturgie. Verausgabt man sich im ersten Satz, wird es danach schwierig, Spannung und Hörer-Interesse wieder aufzubauen und zu halten. So fesselte das Orchester im Kopfsatz mit weiten Bögen und Steigerungen, die gezielt aufgebaut und genussreich ausgekostet wurden. Glühende Intensität und Durchhörbarkeit bildeten eine lebendige Einheit, in der auch Nebenstimmen zu ihrem Recht kamen.

Der zweite, ruhigere Satz hingegen zog sich trotz des konstanten Tempos in die Länge, spürbar an der Unruhe im Publikum. Wen wunderts, dass Bruckner sich immer wieder zu Überarbeitungen überreden ließ? Wie frischer Wind fegte danach das Scherzo daher, Jagdsignale weckten die ermatteten Kräfte.

Satter Bläsersound wechselte mit einem intimen Intermezzo, ein Schlusston mit Wow-Effekt markierte das Ende. Nur: von diesen spektakulären Schlüssen kommen im Finalsatz immer mehr, ohne dass Bruckner ein Ende erlaubt.

Mit unverdrossener Spielfreude widmete sich das Orchester dem unablässigen kontrastreichen Wechselspiel von zarter Idylle, graduellem Aufbauen und gewaltiger Entladung - bis mit einem finalen Kraftakt der wirklich allerletzte Höhepunkt erreicht wurde. Jubelnder Beifall belohnte eine großartige Orchesterleistung.

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