Sinfoniekonzert in der Stadthalle

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Ein Konzert der Gegensätze war das zweite Sinfoniekonzert der Württembergischen Philharmonie Reutlingen mit Kirill Troussov (Violine) und Zsolt Hamar (Leitung).Wenn man weiß, dass jeder Gastdirigent ein Kandidat für den Chefdirigentenposten sein kann, schaut man genauer hin. Schade nur, dass man ihn als Zuschauer nicht von vorn beobachten kann! So versucht man heimlich zu erraten, was sich zwischen Dirigent und Orchester abspielen könnte. Spiegelt sich etwas in den Gesichtern oder der Musik?

Nun also stand Zsolt Hamar am Pult, ein international erfolgreicher ungarischer Dirigent, bis vor kurzem Generalmusikdirektor in Wiesbaden. Für den ersten Teil hat er „Ungarisches“ mitgebracht; die Anführungszeichen gelten Franz Liszt, denn dieser unterschied (wie zu seiner Zeit üblich) nicht zwischen authentischer Folklore und „Zigeuner“- respektive Unterhaltungsmusik. Liszts Ungarische Rhapsodie Nr. 5 in der Orchesterfassung von Franz Doppler eröffnete den Konzertabend als heroischer Trauermarsch mit orchestraler Goldprägung und sanft leuchtendem Hoffnungsschimmer.

Dabei fiel Zsolt Hamar mit einer etwas ausgefallenen Dirigiertechnik auf: Er unterteilte den ruhigen Schritt der Bewegung durch knappe Gesten – um noch mehr Akkuratesse zu erzielen?

Dokument einer Liebe

Anders als Liszt erforschte Béla Bartók die eigentliche Folklore und baute auf ihr sein Schaffen auf. Sein frühes Violinkonzert Nr. 1 steht noch zwischen Spätromantik und Moderne; in späteren Jahren wollte er es – als Dokument einer Liebe – nicht mehr kennen.

Der Solopart war bei dem renommierten Geiger Kirill Troussov in besten Händen, er verkörperte mit seiner Stradivari im ersten Satz (dem „Ideal“) geradezu vollkommen den feinsinnig Liebenden; mit der Solo-Einleitung schien die Geige der Geliebten zarte Worte ins Ohr zu flüstern. Welch seidiger Ton, welch seliger Überschwang! Darüber konnte man die komplexe Faktur glatt überhören. Lustiger wurde der zweite Satz, der die angebetete Geigerin als kapriziösen, teufelsgeigerischen Schelm darstellt.

Mit Humor und Spielwitz

All dies stellte Troussov mit seiner Zugabe in den Schatten: Er improvisierte mit Hilfe der zupfenden Streicher Paganinis „Carnevale di Venezia“ als zauberhafte, mit viel Humor und Spielwitz inszenierte und vom Publikum bejubelte Virtuosenshow. So macht Klassik Spaß!

Um so ernster wurde es nach der Pause mit der 2. Sinfonie von Ludwig van Beethoven, auf deren für damalige Ohren ungewohnte Reize man sich einstellen durfte. Um diese herauszuarbeiten, bedarf es jedoch einer anderen Herangehensweise als der von Zsolt Hamar: Er hielt das Orchester an der kurzen Leine, setzte auf oberflächliche Akzentuierung, ließ Einsätze überdeutlich hervorheben und den ersten Satz knapp und zackig formulieren, als wär’s ein preußischer Militärmarsch.

Der Larghetto-Satz bildete dazu einen scharfen Kontrast: effektvoll durchgestylt, eine neo-romantische Klangschwelgerei in isolierten Abschnitten. Wo blieben die Nebenstimmen, wo Beethoven und (um mit Helmuth Rilling zu fragen) wo der Sinn? Ähnlich oberflächlich wirkte auch der Scherzo-Satz, perfekt musiziert – mehr nicht.

Strenger Meister

Faszinierend, wie das Orchester die Körpersprache des ungarischen Dirigenten in Klang umsetzte! Diese erschien eher eckig als rund, eher wuchtig als tänzerisch; wo andere locker federn, zeigte Hamar eisern Haltung.

So wurde Beethoven zum strengen Meister, der Finalsatz der zweiten Sinfonie zur Demonstration äußerster Disziplin und zum Ausmarsch im schnellen Stechschritt. Anerkennender Applaus, keine Zugabe.

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