Sie war ein Moll-Mensch

Ruhig, melancholisch, traumartig entrückt: So wird ihre Bildwelt beschrieben - magischer Realismus, der intensiv berührt. Am 13. Dezember wäre die Reutlinger Malerin Gude Schaal 100 Jahre alt geworden.

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  • Gleise ins Nirgendwo: "Verlassener Turm" (1990). Fotos: Spendhaus 1/4
    Gleise ins Nirgendwo: "Verlassener Turm" (1990). Fotos: Spendhaus Foto: 
  • Sehnsucht nach der Waterkant: "Brecher am Ufer" (2001). 2/4
    Sehnsucht nach der Waterkant: "Brecher am Ufer" (2001). Foto: 
  • Traumartige, surreale, melancholische Szenerie: "Fernsehabend" (1996). 3/4
    Traumartige, surreale, melancholische Szenerie: "Fernsehabend" (1996). Foto: 
  • "Zwei Frauen" - Grafik aus dem Jahr 1977. 4/4
    "Zwei Frauen" - Grafik aus dem Jahr 1977. Foto: 
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"Nach Motiven in der Natur oder nach Modellen habe ich nie gemalt - ich kann nur aus dem Inneren schöpfen." So hat die Malerin Gude Schaal einmal ihr künstlerisches Credo formuliert. 1915 in Hamburg-Altona geboren, wuchs sie dort als Tochter einer Romanschriftstellerin und eines Juristen auf (Näheres im Lebenslauf). 1928 zog die Familie nach Stuttgart um.

Nach einem Kunststudium in Hamburg, München und Leipzig arbeitete sie als gefragte Buchillustratorin und schrieb Erzählungen. 1942 heiratete sie den Reutlinger Textilkaufmann Eugen Schaal.

Seit diesem Jahr bis zu ihrem Tod 2011 lebte und arbeitete die gebürtige Hamburgerin dann in Reutlingen. Nach einer Familienphase und einer gesundheitlichen Krise begann sie um 1956 mit der Malerei. Neben dem Schreiben war das Malen ihr zentrales, existenzielles künstlerisches Ausdrucksmittel.

Regen Anteil nahm sie am Kulturleben der Region, sie war Mitglied des Malerkollegiums Reutlingen und der Künstlerinnenvereinigung Gedok. Noch im hohen Alter von 95 Jahren war sie schöpferisch aktiv: "So lange ich malen kann, geht es mir gut." Gude Schaal hinterließ unter anderem ein Oeuvre von 880 Ölgemälden, meist auf Hartfaserplatte. Erst im Juni diesen Jahres richtete die Kreissparkasse eine große Retrospektive mit Gemälden aus vier Jahrzehnten aus. Jetzt am 13. Dezember wäre Gude Schaal 100 Jahre alt geworden.

Ihre Arbeit "Verlassener Turm" aus dem Jahr 1990 umreißt am besten das Lebensgefühl, das in vielen ihrer Bilder mitschwingt. Nicht in allen, wohl gemerkt. Aber in vielen: Es ist eine ambivalente Stimmung, die diese Arbeiten aussenden: "eine ruhige und melancholische, traumartig entrückte Atmosphäre", so formuliert es die stellvertretende Spendhaus-Leiterin Martina Köser-Rudolph. Innere Stille, Natur, Unendlichkeit und mittendrin ein einsamer Mensch im Wind: Davon erzählt dieses Bild. Die Gleise in dieser sonst menschenleeren Landschaft führen ins Nirgendwo, der Turm ragt stumm und fensterlos gen Himmel. Magischer Realismus.

Doch die Stimmung ist mehrdeutig, vielschichtig. Der schräg gelegte Kopf der Frauenfigur bringt auch eine gewisse Unbekümmertheit in diese geisterhafte Szenerie, die seltsam unwirklich, ja surreal anmutet. Andere Bilder decken Spannungen und Krisen im Beziehungs-Nebeneinander von Menschen auf.

Dennoch, in vielen Arbeiten taucht Gude Schaal in eher traurige Sphären ein. Sie selbst hat sich einmal im musikalischen Sinne als "Moll-Mensch" bezeichnet, als Malerin eher dunkler, verhaltener Befindlichkeiten. Davon erzählt auch das Ölbild "Fernsehabend" (1996). Anders "Brecher am Ufer" (2001). Gerade diese Arbeit zeigt, wie das expressionistische Moment ihrer Malerei auch in surreale Kraft, in eine überwältigende Traumszenerie umschlagen kann - in der Natur spiegeln sich innere Kämpfe und Leidenschaften, in Hügeln und Horizonten, in Wolken und Wellen. Es sind Bilder der Imagination, des inneren Auges. Mag sein, dass in der prägenden, grundlegenden Melancholie ihrer Bilder auch die Sehnsucht nach ihrer norddeutschen Heimat und ein verborgenes Gefühl bleibender Fremdheit mitschwingen.

Eine vergleichende Einordnung ist schwierig. Gude Schaal hielt sich stets auf Distanz zu stilbildenden Schulen und Moden des Kunstmarkts. Manches in ihren Bildern mag an Emil Nolde erinnern, Manches aber auch an Georg Schrimpf, an Giorgio de Chirico. Gude Schaal hat ihr Schlüsselerlebnis als Malerin einmal so beschrieben: "Es war, wie wenn ein Blinder sehend wird, so ging es mir auf. Das Eigenleben der Farbe, die Freiheit der Form."

Von Hamburg nach Reutlingen - Lebenslauf

· 1915 Gude Schaal wird am 13. Dezember in Hamburg-Altona geboren

· 1935 Abitur, humanistisches Gymnasium Stuttgart

· 1936/39 Kunststudium in Hamburg (Paul Helms), München (Adolf Schinnerer), Leipzig (Meisterschülerin bei Walter Tiemann)

· 1940/42 Buchillustratorin

· 1942 Heirat nach Reutlingen, zwei Kinder

· 1954/92 häufige Reisen an die Nordsee

· 1956 Neubeginn der Malerei; Aquarelle, Gouachen

· 1960 Beginn Ölmalerei

· 1970 Beginn Linolschnitt, Monotypien, erste Einzel-Schau bei Hans-Thomas-Gesellschaft Reutlingen

· seit 1970 Ausstellungen auch in Stuttgart, Tübingen, Eningen, Pfullingen, Ulm, Freiburg, Graz, Roanne (insgesamt über 60)

· 2011 verstorben am 26. Dezember.

SWP

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