Sie möchte ein Raubtier sein

Heimspiel mit unterschiedlichen Vorzeichen und Halbzeiten: Johanna Zeul und Liv Solveig Wagner stellten im franz.K alte und neue Songs vor.

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Auftritt mit Wucht: Johanna Zeul liebt das Schrille und hat auch keine Angst davor, auf der Bühne albern zu sein.  Foto: 

Beide haben Reutlinger Wurzeln, beide spielen mehrere Instrumente und gelten in der Singer-/Songwriterszene als aufstrebende Multitalente. Was Johanna Zeul und Liv Solveig Wagner jedoch ganz gravierend unterscheidet, ist ihre Bühnenperformance und ihr Zugang zur Musik.

Zunächst tritt bei dem Doppelkonzert die in Norwegen, Reutlingen und Stuttgart aufgewachsene Liv auf die Bühne. Mit dabei hat sie eine komplett neue Bandbesetzung, und auch sonst unterscheidet sich einiges zu ihrem ersten Auftritt vor einem Jahr an selber Stelle. Die Sängerin und Geigerin, die in New York Jazzgesang studiert hat, wartet mit einem authentischen Singer-Songwriter-Indiepop auf, einer Wiederbelebung eines Sounds, der sich entspannt und ganz ohne Druck Song für Song vor dem Publikum entblättert. Die meist ruhigen Nummern handeln vom Leben in der Großstadt und von zerborstenen Träumen. Dann wieder hält sie auf Norwegisch Zwiegespräche mit nordisch-klaren Melodien. Folkloristische Elemente mit skandinavischen Einflüssen sind die Ausgangsbasis für stilsichere Anverwandlungen zwischen norwegisch angehauchtem Jazz, Folk und Indiepop.

Ganz anders die im Anschluss auftretende Johanna Zeul. Aufgedreht wie immer betritt sie die Bühne, wirft ein "Guten Abend" in den Raum, fängt an zu singen - und das Leben explodiert. Mit der ihr eigenen Energie und Power hüpft sie, zappelt, wirbelt mit den Haaren, wirft den Kopf umher, schreit, klopft auf ihrer Gitarre, raunzt, stöhnt, grunzt. Alles kommt herrlich frisch rüber, auch wenn sie ihre herausgekehrte Unangepasstheit zuweilen etwas übertreibt.

Auf der Bühne kommen die Songs - präsentiert mit einem Bassisten und einem Drummer - ganz pur und ungeschminkt rüber. Ganz ohne Schnickschnack, dafür Texte mit Pfiff und Witz. Kritik am Zeitgeist, kleines Liebesglück. Beobachtungen. Kleine Szenen und Begebenheiten. Gerne rebellisch oder etwas frivol, spürbar unangepasst, frech und fordernd.

Johanna Zeul hat sichtlich Spaß am Spiel auf der Bühne, mag die Selbstdarstellung, spricht mit dem Publikum. Das Nachsingen wirkt erst verhalten, doch die "Uuuhs" und "Aaahs" sowie andere schräge Laute werden immer kräftiger und fordernder. Zeul liebt das Schrille, hat keine Angst vor Albernheiten. Sie malträtiert ihre Gitarre, sodass schon nach kurzer Zeit eine Saite reißt. Sie zelebriert das vulgär-verschlingende Trinken aus der Flasche, schüttet sich Wasser über den Kopf, macht mit ihrer Zunge irre Bewegungsübungen. Ihr Auftritt gleicht einem emanzipatorischen Akt, der ihre Ausstrahlung mit Wucht in Einklang bringt. Im Text vermischen sich nicht nur "Zucker und Salz", da bricht ganz furchtbar das Fieber aus, und überhaupt will sie "wieder ein Raubtier sein".

"Hallo Leben, was kannst Du mir geben?", schreit sie ins zum Teil verblüffte, zum Teil verstörte Publikum. Ungeheuer viel, das steht fest. Die Tochter von Liedermacher Thomas Felder, die seit Jahren in Berlin lebt, macht einfach ihr Ding, und das macht sie erstaunlich selbstbewusst. Auf CD kommen diese entfesselten Trotzlieder zwar weniger zur Geltung, aber live und leibhaftig ist das Ganze schlichtweg eine Wucht.

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