Sie kämpfen singend für eine bessere Welt

Ausverkauf - ein Konzert über Macht und Geld: In der vollen Listhalle trafen fünf Chöre aus dem Ländle aufeinander, um sich in ihren Liedern kritisch mit den gesellschaftlichen Missständen zu befassen.

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Insgesamt fünf Chöre - hier der S.U.S.I.-Chor aus Freiburg - wollten beim Konzert am Samstag in der Listhalle mit ihren Liedern auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen. Foto: Jürgen Spieß

"Große politische Veränderungen fangen im Kleinen an. In unserer direkten Nachbarschaft, in der Art, wie wir miteinander umgehen. Wenn wir es schaffen zu recyclen, auf Gewalt zu verzichten und für mehr Bildung, Gerechtigkeit und Wohlstand zu sorgen, breitet sich das ganz schnell aus."

Diese Worte stammen von dem ewigen Weltenbummler und Protestsänger Manu Chao. Sie könnten aber ebenso gut im Programm jenes Chornetzwerkes stehen, zu dem sich die baden-württembergischen Chöre Zwischentöne aus Reutlingen, der Ernst-Bloch-Chor aus Tübingen, der Stuttgarter Freie Chor, der Ulmer Kontrapunkt und der S.U.S.I.-Chor aus Freiburg zusammengeschlossen haben. Ein Wiedererkennungsmerkmal aller fünf Chöre sind die kritischen Texte, die sich an all jene richten, die mit dem Zustand der Welt, so wie er ist, nicht zufrieden sind.

Die sich mit den gesellschaftlichen Auswirkungen der Macht- und Finanzverhältnisse und mit dem Ausverkauf von Schulen, des Gesundheitswesens, von Wohnhäusern und Kultur nicht abfinden wollen. Ein aweiteres Markenzeichen der Chöre ist die solidarische Stimmung, die sich bei ihren Livekonzerten regelmäßig auf das Publikum überträgt. Ein wenig ist von dieser Stimmung auch in der Listhalle zu spüren, wenngleich in dem sterilen Saal so etwas wie eine heimelige Atmosphäre nur schwer aufkommen will. Zum Auftakt (und am Ende) stehen alle fünf Chöre, das sind 120 Sängerinnen und Sänger, auf der Bühne und intonieren gemeinsam "Die Ballade vom Wasserrad" von Bertolt Brecht und "Schützen wir die Polizei" von Georg Kreisler.

Auch der folgende Auftritt des Freien Chors Stuttgart gibt einen Eindruck davon, wie sich die Kunstform des politischen Protestlieds unterhaltsam darstellen lässt: Neben ihren eigenwilligen Interpretationen von Irving Berlins "Puttin on the Ritz", eine Karikatur der Gutbetuchten aus dem Jahr 1929, und Manu Chaos "Clandestino" über die Situation illegaler Einwanderer, singt der Chor mit sichtbarer Empörung den "Arbeitslosenmarsch" von Mordechai Gebirtig und spricht einen Auszug aus Volker Löschs Stuttgarter Theaterinszenierung "Manifeste des Widerstands" - ein kraftvolles Pamphlet, gemeinsam gesprochen wie mit einer Stimme.

Der folgende Ernst-Bloch-Chor aus Tübingen thematisiert in seinen Liedern Ausbeutung, soziale Ungerechtigkeit und insbesondere das weltweite Verteilungsproblem von Wasser. Ihre Titel heißen "Klimawandel", "Schwarzes Gold", "Wasser macht Geld" oder "Virtuelles Wasser" und beschreiben, in welcher Form bedenkenloser Konsum von Wasser und ausbeuterisches Wirtschaftswachstum uns alle bedroht. Unter der Leitung von Anne Tübinger singt der Chor auf hohem Niveau über ernsthafte Dinge und formuliert in eigenen Stücken Träume von einer besseren Welt.

Dagegen widmet sich der Freiburger S.U.S.I.-Chor überwiegend der Musik von Rio Reiser und der ehemaligen DDR-Band Renft."Menschenfressermenschen kriegen Menschenfresserrenten - bringens bis zum Präsidenten", heißt es da anklagend in einer der von Ansgar Rettner bearbeiteten Arrangements. Nach der Pause betreten die Zwischentöne aus Reutlingen die Bühne und greifen ebenfalls brisante gesellschaftliche Themen auf: Sie wollen vor allem mit Kurt Tucholskys "Der Sucher" und einer schönen Fassung von Biermösl-blosns "Credo" zum Nachdenken animieren. Auch der Ulmer Chor Kontrapunkt spricht und singt mit seinen Liedern von Hanns Eisler mit Texten von Brecht dem begeisterten Publikum aus der Seele.

Die Chöre aus Reutlingen, Tübingen, Freiburg, Ulm und Stuttgart präsentieren zweieinhalb Stunden lang anspruchsvollen und unbequemen Chorgesang mit Tiefgang. Das Publikum, das in jeder Beziehung hinter ihnen steht, quittiert das am Ende mit stürmischem Applaus.

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