Sie helfen Straffälligen die Kurve zu kriegen

Keine leichte Aufgabe, Straffällige zu resozialisieren: Die Neustart GmbH hatte zu Diskussion und einem Vortrag von Prof. Rita Haverkamp über "Bewährungshilfe im Wandel" in den Spitalhofsaal eingeladen.

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Prof. Rita Haverkamp hatte für ihr Referat auf der Neustart-Veranstaltung im Spitalhof das Thema "Bewährung im Wandel" gewählt.  Foto: 

"Ich brauch diese Betreuung einfach um mich rum. Ich kann das nicht, ich allein, ich würd untergehen. Ich wüsste nicht, was ich als erstes machen sollte, wie ich es machen sollte, wohin ich gehen soll", erzählt die junge Straftäterin Maria. Diese Worte sagen viel darüber aus, welch wichtige Aufgabe Betreuungshelfer erfüllen: Sie kümmern sich um Menschen, mit denen eigentlich niemand etwas zu tun haben will. Sie setzen sich mit ihren persönlichen Kompetenzen und Fähigkeiten sowie ihrer Zeit dafür ein, straffällig gewordene Jugendliche und Erwachsene auf ihrem Weg zurück in die Gesellschaft und in ein Leben ohne Kriminalität zu unterstützen. Es sind professionelle Mitarbeiter, aber auch Freiwillige, die eine Arbeit ausführen, die in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist und das, obwohl unser Rechtssystem auf Resozialisierung ausgelegt ist und nicht aufs Wegsperren.

Bewährungshelfer helfen verurteilten Straffälligen die Kurve zu kriegen, damit sie nicht ins Gefängnis müssen. Sie unterstützen bei ganz praktischen Dingen wie Job- und Wohnungssuche, Kontoeröffnung, Schuldentilgung oder bei familiären Problemen.

In der gemeinnützigen Gesellschaft "Neustart", die seit 2007 für die Bewährungshilfe im Land zuständig ist, sind derzeit rund 450 hauptamtliche Mitarbeiter und 600 Ehrenamtliche beschäftigt. Sie bearbeiten Aufträge in der Gerichtshilfe, intervenieren in Fällen des Täter-Opfer-Ausgleichs und betreuen zirca 20 000 Klienten im Jahr in der Bewährungshilfe. Einige von ihnen sind auch in den Spitalhofsaal gekommen, um zu erfahren, welche Methoden in der Bewährungshilfe letztendlich Wirkung zeigen und erfolgsversprechend sind. Gibt es Maßnahmen, die sich durchgesetzt haben oder doch kontraproduktiv sind? In welche Richtung entwickelt sich Bewährungshilfe und gewährleisten neue Formen der strafbewehrten Weisung, wie etwa die elektronische Aufenthaltsüberwachung, tatsächlich mehr Sicherheit?

Über diese und andere Fragen referierte am Donnerstag Prof. Dr. Rita Haverkamp von der Universität Tübingen. Nach der Begrüßung durch den Neustart-Einrichtungsleiter Oliver Arnold und einem Grußwort von Geschäftsführer Christian Ricken spricht die Juristin in ihrem wissenschaftlichen Fachvortrag zunächst darüber, wie sich Bewährungshilfe bis heute entwickelt hat. Im Gegensatz zu Schweden gebe es in Deutschland "weniger Konzepte", so Haverkamp.

Die Bewährungshilfe sei in den vergangenen Jahren "durch spezifischen Unterstützungsbedarf von Straffälligen" aufgewertet worden und habe sich "von der abwartenden Hilfe zur aufsuchenden Kontrolle" entwickelt.

Vor allem Straftäter mit höherem Rückfallrisiko werden intensiver betreut, denn "je mehr Risikofaktoren, desto höher die Rückfallgefahr", so Rita Haverkamp. Prognosen über Rückfälligkeiten seien allerdings schwierig zu stellen und oft nicht zuverlässig. Zudem mangele es an Gutachtern, die nach der statistischen oder klinischen Methode und unter Anwendung wissenschaftlicher Standards Expertisen ausstellen könnten. Deshalb würden zur Senkung der Rückfallgefahr immer häufiger die "risikoorientierte Bewährungshilfe" zur Erreichung der größtmöglichen Wirkung durchgeführt. Dabei "werden Straffällige in Risikoklassen kategorisiert, nach denen Betreuungsdichte und Kontrollmaßnahmen seitens der Bewährungshilfe auszurichten sind".

Die risikoorientierte Bewährungshilfe widerspreche allerdings dem Gerechtigkeitsgrundsatz der Gleichbehandlung. Rita Haverkamp plädiert deshalb "für einen ganzheitlichen Ansatz" anstatt segmentiertem Vorgehen. Denn: "Je segmentierter Unterstützungsangebote sind, desto weniger kommen besonders hilfebedürftige Personen damit zurecht."

Wissenwertes über Neustart

Struktur In Baden-Württemberg gibt es insgesamt neun "Neustart"-Einrichtungen, eine davon in Reutlingen, die ein Gebiet zwischen Nürtingen, Balingen und Sigmaringen abdeckt. Von Reutlingen aus wurden im vergangenen Jahr insgesamt rund 2000 Klienten von 40 hauptamtlichen Mitarbeitern und 55 Ehrenamtlichen betreut. "Gerade der Bedarf für freiwillige Bewährungshelfer ist nach wie vor groß und wird weiter wachsen", sagt Neustart-Einrichtungsleiter Oliver Arnold. Weitere Informationen unter www.neustart.org

JS

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