SEITENBLICKE: Türkische Impressionen: Hier blitzsauber, dort verwahrlost

|

Bei meinem zweiwöchigen Aufenthalt an der Türkischen Riviera sprangen mir wieder diese Gegensätze ins Auge, die ich bereits von Tunesien kenne. Offenbar haben die etwas mit dem "Orient" zu tun - die Türkei liegt ja an der Grenze zwischen Abend- und Morgenland. Da ist einmal dieses riesige, bestens organisierte Hotel, in dem alles vor Sauberkeit blitzt. Doch gehe ich nur vor die Tür, empfängt mich das Chaos: Flächen voller Müll, löchrige Gehwege mit Stolpersteinen, geschlossene, baufällige, verwahrloste Läden. Große Schilder verkünden weithin sichtbar: "Shopping Center" - doch davor liegen Berge von Schutt und Müll, die Eingänge und Schaufenster sind mit Brettern vernagelt. Jetzt in der Wintersaison wird zwar überall gearbeitet und renoviert. Doch vieles sieht so aus, als wäre es schon seit Jahren im gleichen Zustand.

Dagegen scheinen mein Hotel und der große, gepflegte Park mit mediterranen Pflanzen, der es umgibt, einer völlig anderen Welt anzugehören. Hier wachsen verschiedene Palmenarten, aus den Orangenbäumen leuchten die reifen Früchte, Bananenstauden wechseln mit Araukarien, Ficusbäumen und vielen anderen Pflanzen, die ich nicht kenne - und glaubt man dem Hinweisschild, so wird alles sorgfältig ökologisch bewirtschaftet. Mein Zimmer war nicht im großen Hotel, sondern in einem der Bungalows, die zu Wohnanlagen zusammengefasst im Park verstreut liegen. Als Hochhausbewohnerin irritierte mich anfangs die ebenerdige Lage, doch ich gewöhnte mich sehr schnell daran.

Auch das sprichwörtlich milde Mittelmeerklima ist voller Gegensätze und Überraschungen. So hat der plötzliche Kälteeinbruch mit Minustemperaturen kurz nach meiner Ankunft zur Folge, dass die üppig-grünen Bananenstauden im Hotelpark erfroren und ihre vorher prächtig-grünen Wedel matt und grau an den dünnen Stämmen hingen. Ein Heer von Gartenarbeitern entfernte flink die welken Blätter und die Reste ragten nackt und strahlenförmig wie Stacheln in den Himmel.

Auf den Frost folgten Tage mit Regen und Sturm, der die fast reifen Orangen von den Bäumen fegte und den großen Ficusbaum vor meiner Wohnanlage umlegte. An größere Unternehmungen war nicht zu denken und ich machte regen Gebrauch von den Angeboten im Hotel - dem großen, warmen, meist leeren Hallenbad, einem geräumigen und edel gestalteten Sauna- und Thalassobereich und einem gut ausgestatteten Fitnessraum.

Danach wurde es endlich freundlicher und milder, so dass ich die Umgebung erforschen und mit dem Dolmus-Bustaxi in die nächste Stadt Manavgat zum großen, bunten Markt fahren konnte. Vom städtischen Busbahnhof gehen die kleinen Busse in alle Richtungen und ich wagte mich weiter nach Side. Dort sind neben Unmengen von Souvenirläden und vielen Luxushotels am Sandstrand vor allem die Ausgrabungen aus der Antike interessant. Staunend wanderte ich durch die Ruinenstadt zum Hafen. Unterwegs besichtigte ich das antike Theater, das rund 18 000 Zuschauer fasst und von dessen oberen Rängen man einen wunderbaren Weitblick hat, sowie die Reste eines Apollotempels und einer byzantinischen Basilika.

In der Türkei ist das Leben männlich dominiert: Überall beherrschen junge, gut aussehende Männer das Bild, die sehr selbstbewusst bis arrogant auftreten. Sie leben in dem stolzen Bewusstsein, dass Allah ihnen das "richtige" Geschlecht geschenkt hat, und zeigen das deutlich. Frauen sind zweitrangig und werden meist auch entsprechend behandelt oder gar ignoriert.

Das ist sicher ein Grund, warum ich als ehemals streitbare Feministin dieses Land nicht zu meinem Lieblings-Reiseland erwählen werde.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Ein kleines Wattestäbchen reicht

Bei der Spendenaktion für den zweijährigen Joel bereicherten 1324 Freiwillige mit ihrer Speichelprobe die weltweite Stammzellen-Datei. weiter lesen