SEITENBLICKE: Reisebekanntschaft am türkischen Mittelmeerstrand

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Zum ersten Mal begegnete ich ihm am Tag nach meiner Ankunft im Hotel am türkischen Mittelmeerstrand: Ein großer, älterer, ziemlich unglücklich dreinblickender Herr wartete gleich mir auf die örtliche Reiseleitung, die uns Neuankömmlinge zu einem Informationstreffen eingeladen hatte. Wie ich erfuhr, kam er aus Luxemburg und war gleich mir nicht im Hauptgebäude des Hotels, sondern in einem der Bungalows untergebracht, die im großen Park verstreut lagen. Doch er wollte unbedingt ein Zimmer im Haupthaus - und als ihm versichert wurde, dass nichts mehr frei sei, war er so enttäuscht, dass er überlegte, das Hotel zu wechseln. Die Diskussion darüber zog sich hin und ich verabschiedete mich, da ich keine weiteren Fragen hatte. Die nächsten Tage waren zuerst frostig kalt, dann stürmte und regnete es. Bei diesem Wetter wäre es ohne Zweifel angenehmer gewesen, unter dem gleichen Dach wie das Restaurant, das Hallenbad und all die anderen Hoteleinrichtungen zu wohnen. So musste ich mich erst mit Jacke, Mütze, festen Schuhen und Schirm ausrüsten, wenn ich zum Essen, Schwimmen oder in die Sauna wollte. Aber das ließ sich eben nicht ändern, denn wetterbedingt fand das Leben in der ersten Woche hauptsächlich im Hotel statt. Dabei liefen wir uns natürlich immer wieder über den Weg, der Luxemburger und ich. Er sprach sehr gut Deutsch und hatte sich inzwischen mit seiner Wohnsituation arrangiert, wie er auf meine Frage einräumte. Das große, warme Hallenbad, das meistens angenehm leer war, bot ihm ebenso wie mir eine gute Möglichkeit, die unwirtlichen Tage zu überstehen. Entweder er schwamm bereits, wenn ich kam - oder umgekehrt.

Im geräumigen Restaurant steuerte ich immer einen der kleinen Zweiertische an, den ich dann allein belegte. War keiner mehr frei, musste ich mich notgedrungen irgendwo dazu setzen, was ich nicht gern tat. Dem Luxemburger ging es offenbar ähnlich: Ich sah ihn mehrmals allein an einem Zweiertisch sitzen und fasste den Mut, ihm einen Vorschlag zu machen: Es wäre doch platzsparender, uns zu zweit an einen Zweiertisch zu setzen! Das schien ihm einzuleuchten - und so begannen unsere gemeinsamen Mahlzeiten.

Ich nannte ihm gleich zu Anfang schonungslos mein hohes Alter, was ihn wohl davon überzeugte, dass ich keinerlei erotische Hintergedanken hegte. Beim zweiten Abendessen stellte er sich vor: "Ich heiße Paul", und mein seltener Vorname gab wie meistens Gesprächsstoff. Wir blieben dabei, uns zu "siezen" - vielleicht wäre es an mir gewesen, das zu ändern, aber das war mir nicht so wichtig. Vorsichtig offenbarten wir einander das eine oder andere aus unserem Leben. Er berichtete, er sei verheiratet, habe zwei Söhne und drei Enkel. Da seine Frau im Gegensatz zu ihm noch berufstätig sei, habe er eben diese Reise allein gemacht. Eine gemeinsame Reise nach Marokko sei demnächst geplant. Ich erzählte von meiner Tochter, die als Aussteigerin in Ecuador lebt, und von meinen Alleinreisen. Dann besserte sich endlich das Wetter und ich konnte mit dem Dolmus-Bustaxi wie geplant nach Manavgat und Side fahren. Paul hatte früher schon Urlaub in Side gemacht und kannte die Umgebung. Tagsüber trafen wir uns jetzt seltener, weil Aktivitäten im Freien möglich waren und das Schwimmen im Hallenbad ersetzten.

Nach dem Abendessen des letzten Tages - unserer "Henkersmahlzeit" - verabschiedeten wir uns mit Händedruck, guten Wünschen und einem Dankeschön für die angenehme Tischgesellschaft. Ich wurde am nächsten Morgen noch vor dem Frühstück abgeholt und zum Flughafen gebracht, Pauls Transfer war für später angekündigt. Wir sahen einander nicht mehr.

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