SEITENBLICKE: Geräuschkulisse: Wenns was auf die Ohren gibt

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Als Mensch unserer Zeit gewöhnt man sich an den allgegenwärtigen Lärm, weil einem ja gar nichts anderes übrig bleibt. Wirkliche Ruhe gibt es in modernen Städten nicht mehr - auch nicht in der Nacht. Und wenn einmal eine halbe Minute nichts, absolut nichts zu hören ist, gerate zumindest ich fast in Panik: Was ist jetzt los? Ist die Erde stehen geblieben - oder wird gerade eine Gedenkminute für irgendeine Katastrophe eingelegt - oder ist es gar die berühmte "Ruhe vor dem Sturm"?

Dann bin ich fast erleichtert, wenn wieder ein Auto vorbei fährt, ein Flugzeug oder Hubschrauber zu hören ist oder der Baulärm nach kurzer Pause erneut einsetzt. Meistens jedoch nehme ich die permanente Geräuschkulisse kaum mehr wahr. Das Leben in unserer lauten Zeit hat aus uns wahre Verdrängungskünstler gemacht: Der Dauerlärm fällt nur noch dann auf, wenn er einmal kurz von so etwas wie "Stille" abgelöst wurde.

Den größten Anteil am Lärmpegel sehe ich im Autoverkehr, der praktisch rund um die Uhr für ein lauteres oder leiseres Brausen und Vibrieren in der Luft sorgt. Das verstärkt sich natürlich, wenn Autos oder Busse direkt auf der Straße unter meiner Hochhauswohnung vorbei fahren. Dieses Wummern verschluckt und übertönt dann das von entfernteren Straßen rundum kommende, zu einem einheitlichen Summen verschmolzene Fahrgeräusch all der anderen Fahrzeuge.

Doch nicht nur die Autos produzieren rund um die Uhr Lärm: Für "Abwechslung" in der Geräuschkulisse sorgen die zahlreichen Baustellen, die an allen Ecken und Enden betrieben werden. Da sind Fräsen, Presslufthämmer und Kräne am Werk mit ihren je eigenen Arbeitsgeräuschen. Sollten diese einmal pausieren, sehen Rasenmäher, Motorsägen, Heckenschneider und infernalisch laute Laubgebläse in öffentlichen Anlagen oder privaten Gärten ihre Chance, sich bemerkbar zu machen. Das sind Töne, die mich schmerzlich an überdimensionale Zahnbohrer erinnern. Vor allem die Arbeiter mit den Laubgebläsen, die hinter jedem Blättchen herjagen, haben mir schon so manche entspannte Schwimmstunde im Freibad verdorben. Ich halte diese Dinger sowieso hauptsächlich für Krachmacher, denn sie verteilen das Laub nur neu, anstatt es zu beseitigen. Dafür nahm man früher einfach einen Besen - das war effektiver und machte keinen Lärm.

Doch Lärm und Radau jeglicher Art sind aus unserem modernen Leben wohl nicht mehr wegzudenken und ihr Fehlen scheint fast Angst zu machen. Deshalb müssen auch zu Hause Radio, Fernseher und Musikanlagen dafür sorgen, dass es keinesfalls zu ruhig um uns wird. Und zum Ausgehen sind wieder Orte und Events gefragt, wo man richtig "was auf die Ohren" kriegt - beispielsweise Discos und Open-Air-Konzerte. Diese Beschallung in höchster Lautstärke löst mit der Zeit einen Selbsthilfereflex des Organismus aus: Die Hörfähigkeit lässt nach und man braucht für den gleichen Effekt immer lautere Musik.

Manchmal stelle ich mir vor, man würde einen Menschen aus früheren Jahrtausenden in unsere Zeit "beamen" und auf eine Kreuzung stellen, wo Autoschlangen mit laufendem Motor auf "Grün" warten: Ich glaube, er würde auf der Stelle tot umfallen. Zum einen wegen der für seinen Organismus unverträglichen Schadstoffe in der Luft, zum anderen wegen des in unserer Lebenswelt normalen, für seine Ohren sicher höllischen Lärmpegels.

Umgekehrt wären wahrscheinlich Menschen unserer Zeit der sauberen Luft und der Stille nicht gewachsen, wie sie damals "normal" waren.

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