SEITENBLICKE: Die Sache mit der Notfalltasche

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Sie steht wohl seit über 15 Jahren auf meinem großen alten Kleiderschrank im Schlafzimmer: die ebenfalls alte braune Reisetasche mit dem angehefteten Zettel "Notfalltasche". Soviel ich mich erinnere, waren wir noch berufstätig, als meine beiden Tübinger Freundinnen und ich uns Gedanken über unsere "Zukunft" im Alter machten. Wir lebten alle drei allein und überlegten, wie wir Vorsorge treffen könnten, falls wir einmal plötzlich ins Krankenhaus müssten.

Irgendwo hatten wir darüber gelesen, dass es vernünftig sei, schon im Vorfeld alles Notwendige für einen solchen Fall bereit zu halten. Damals war also die "Geburtsstunde" meiner Notfalltasche. Die eine meiner beiden Freundinnen von damals braucht längst keine mehr: Sie starb vor fast fünf Jahren nach langem Leiden qualvoll an Krebs. Zu der anderen habe ich keinen Kontakt mehr. Doch die Tasche steht noch auf meinem Schrank und ich hatte in letzter Zeit immer deutlicher das Gefühl, dass ich endlich einmal ihren Inhalt überprüfen und auf neueren Stand bringen sollte.

Irgendwann - es ist wohl auch schon Jahre her - holte ich sie einmal herunter, entstaubte sie oberflächlich und zog den Reißverschluss auf. Ah, da lag ja der rote Frottee-Bademantel, über dessen Verbleib ich mir schon Gedanken gemacht hatte! Und ich warf widerwillige Blicke auf die Nachthemden, die Unterwäsche, Handtücher und Waschlappen. Im Waschbeutel fand ich Seife und Bodylotion - sicher seit Jahren abgelaufen. Nein, das alles zu sichten und teilweise zu entsorgen, hatte ich gerade überhaupt keine Lust! Schnell schloss ich die Tasche wieder und hievte sie hoch in die Ecke des Kleiderschranks. Ein anderes Mal!

Doch die Sache nagte an meinem Unterbewusstsein. Ich wusste, ich sollte sie nicht länger verdrängen und endlich etwas tun. Dass ich nun die "Notfalltasche" zum Thema einer meiner Geschichten machte, hat wohl den psychologischen Druck erhöht: Heute habe ich sie endlich vom Schrank geholt, abgestaubt, geöffnet und ihren Inhalt gesichtet! Es war gar nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Die meisten Sachen sind in Ordnung - sogar das Melkfett in der Tube im Waschbeutel ist noch nicht ranzig. Nachdem ich einige Wäschestücke durch etwas modernere Teile ersetzt hatte, räumte ich alles wieder ordentlich ein, schloss die Tasche und hob sie wieder auf den Schrank, wo sie in der linken Ecke hoffentlich auf den Sankt-Nimmerleins-Tag wartet. Denn es wäre mir natürlich lieber, ich würde sie nie, nie brauchen!

Meine beiden bisherigen Klinikaufenthalte für die Hüftoperationen konnte ich lange vorher sorgfältig vorbereiten und die Fahrten ins Krankenhaus selbst organisieren. Doch sollte mich plötzlich ein Herzinfarkt oder Schlaganfall treffen und ich könnte mich nicht mehr bemerkbar machen, wäre auch die Notfalltasche nutzlos: Niemand würde mich vermissen und ich wäre sicher mausetot, bis ein Mensch auf die Idee käme, nach mir zu fragen oder zu suchen. Nachbarn und Bekannte würden wahrscheinlich annehmen, ich sei wieder einmal verreist - was ich ja auch nicht selten bin. So weit, dass man erst nach Monaten oder Jahren meine mumifizierte Leiche fände, wie man das bisweilen in der Zeitung liest, würde es zwar bei mir nicht kommen. Glaube ich wenigstens. Aber für eine Erfolg versprechende Behandlung könnte es dann zu spät sein ...

Solche Gedanken machen sich bestimmt viele alleinstehende und allein lebende alte Menschen. Die leidige Frage bleibt also: Falls wirklich der Fall eintritt und ich bewusstlos und handlungsunfähig in meiner Wohnung liege: Wer holt mich dann raus - mit oder ohne Notfalltasche??

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