Seine Tonart - optimistisches Moll

Er war ein Mann der leisen Töne, der knappen Worte und der poetischen Farben: Der Reutlinger Dichter, Maler und Eichendorff-Preisträger Dietmar Scholz ist am Freitag im Alter von 82 Jahren verstorben.

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Dietmar Scholz 2013, im Jahr seines 80. Geburtstags.  Foto: 

Seine Weggefährten beschrieben ihn als "Mann mit Lederjacke und Baskenmütze". Der Schriftsteller und Maler Dietmar Scholz, geboren 1933 im schlesischen Kunitz (heute polnisch Kunice), wirkte in seinen späten Jahren auch verstärkt als deutsch-polnischer Brückenbauer. 2013 richtete die Stadt Reutlingen ihm eine kleine Feier zum 80. Geburtstag aus. Jetzt am vergangenen Freitag ist Dietmar Scholz im Alter von 82 Jahren verstorben.

Der Verlust der alten Heimat, der Blick auf die neue "albheimat" (so ein Gedichttitel) und am Ende der gelebte Versuch tätiger Versöhnung - das alles prägte sein Leben und auch sein künstlerisches Schaffen. "Daheim bin ich, wo ich mich nicht erklären muss", sagte Scholz einmal. Künstlerisch war er eine Doppelbegabung. Er veröffentlichte Gedichte, Erzählungen, Kinderbücheer und - er malte, in wechselnden Genres, teils sogar mit Computertechnik.

1945 vertrieben, kam er auf Umwegen 1951 nach Baden-Württemberg, 1964 nach Reutlingen, wo er im Stadtteil Altenburg eine neue Heimat fand. Ende der 80er Jahre schied er aufgrund eines Herzleidens aus dem aktiven Berufsleben als Lehrbeauftragter bei der Post aus. Als Lyriker ist Scholz ein Mann der knappen Worte, der verhaltenen Stimmungen. In seinen Lyrikbänden - unter anderem "Gitarren im Herbst" und "Wilder Wein" - sind es die kleinen Dinge, in denen die ganze Welt durchschimmert, getaucht in warme Herbstfarben.

Er konnte aber auch ganz anders. "Tooor!!!" hieß ein kleines Büchlein von ihm "Über Fußball und Fußballwahn", in dem er den Kick-Hype ein bisschen auf die Schippe nimmt. Motto: "Wer, Freunde, hätte das gedacht: Ein Ball aus Männern Kinder macht." Kernstück seiner Arbeit blieb die Lyrik. Es sind oft melancholische Gedichte, die sich mit Verlust, Vergänglichkeit und Tod beschäftigen - und doch trotz aller Trauer immer wieder Augenblicke finden, in denen eine lakonisch lächelnde Erkenntnis aufscheint.

Beschönigung war nie das Ziel seiner künstlerischen Suche. In manchen Versen, teils gereimt, teils in freien Rhythmen, treffen Sphären aufeinander, die so noch selten jemand in Berührung gebracht hat: der Skeptizismus eines Gottfried Benn, die stille Lakonik eines Erich Kästner und der raunende Zauber eines Eichendorff.

1985 bekam Scholz den renommierten Eichendorff-Literatur-Preis, den auch so prominente Autoren wie Reiner Kunze, Otfried Preußler, Peter Härtling und Christoph Hein erhalten haben. Und noch im Jahr 2013 wurde er mit dem Edith-Heine-Lyrik-Preis des Kulturwerks Schlesien ausgezeichnet. In seinen späten Jahren war er als deutsch-polnischer Brückenbauer aktiv: So unternahm er unter anderem eine Lesereise nach Legnica (früher Liegnitz) und Wroclaw (Breslau) - für ihn ein "Reise ins Ungewisse", die sich als beglückende Erfahrung erwies. In der polnischen Germanistik ist Scholz längst ein Thema: "Deutschland, das harte Paradies", heißt eine Erörterung über ihn, und Dr. Pawel Zimniak von der Universität Wroclaw schrieb einen Aufsatz über "Niederschlesien als Erinnerungs- und Imaginationsraum in der Lyrik von Dietmar Scholz".

Der Heimatverlust war zwar ein Thema, das ihn bis zuletzt beschäftigte, doch betonte Scholz auch immer das Wie, zu dem er zeitlebens stand: "ohne Klage und Anklage".

Zuletzt scheint diese Heimat in seinem 2013 erschienenen Gedichtband "Stationen" wieder auf. Wobei es Scholz weniger ums Nachtrauern ging, als vielmehr um tätige, nach vorn gerichtete Friedensarbeit - zum Beispiel im Gespräch über Literatur mit Studenten, Professoren und Lesern. Prof. Edward Bialek brachte es wohl auf den Punkt, die ganz spezielle Scholz-Tonart: "ein optimistisches Moll".

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