Sehnsucht nach dem Paradies

Er war ein Künstler mit Haltung: Hendrik Nikolaas Werkman engagierte sich im Widerstand gegen die NS-Besatzer. Von ihm, dem Grieshaber-Vorbild, zeigt das Spendhaus ab heute eine große Werkschau.

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Konstruktivismus-Moderne: "The Next Call 6" (1924).  Foto: 

Eine umfassende Ausstellung mit Bildern des Grieshaber-Idols Hendrik Nikolaas Werkman - sie stand schon seit langem auf der Wunschliste von Spendhaus-Leiter Herbert Eichhorn. Jetzt ist es soweit: "Hot Printing. H. N. Werkman. 1882-1945" heißt eine Übersicht über Leben und Werk des Künstlers, der vor 70 Jahren von einem Erschießungskommando der NS-Besatzer in den Niederlanden hingerichtet worden ist. Eine derart umfangreiche Werkschau, wie sie das Spendhaus ab heute bis 28. Februar zeigt, ist nur noch machbar, wenn mehrere Häuser kooperieren.

Zunächst lief die Ausstellung in Groningen, wo Werkman lebte, und nach der Reutlinger Präsentation wird sie weiter wandern ans Staatliche Museum Schwerin. Nach den großen Werkman-Retrospektiven der 60er Jahre entdeckt die Spendhaus-Schau nun eine Reihe neuer Aspekte im Oeuvre des Künstlers.

Werkman gilt als einer der großen niederländischen Drucker-Künstler der Moderne. Er hat als Handwerker, als Typograf begonnen, pendelte zeitlebens undogmatisch zwischen den Polen abstrakt und figurativ, zwischen Piet Mondrians strengem De Stijl, der poetischen Phantastik Marc Chagalls und dem Farb-Expressionismus Ernst Ludwig Kirchners. Zudem wurde Werkman als Künstler mit Haltung zu einer Symbolfigur des Widerstands. Aus all diesen Gründen ist er zu einem prägenden Vorbild für den Reutlinger Holzschneider und "homme engagé" HAP Grieshaber geworden. Rund 100 000 Besucher strömten bis 1. November in die Groninger Werkman-Ausstellung, darunter auch Ex-Königin Beatrix - das bewiest den hohen Stellenwert, die Popularität (es gibt Filme und eine Oper über ihn) und die identifikatorische Wertschätzung, die Werkman in den Niederlanden genießt.

Ein Rundgang durch die etwas anders gewichtete Reutlinger Präsentation zeigt Werkmans Offenheit - hier gegenständliche Bilder, dort typografische Buchstaben-Kompositionen (in seiner Gruppe "De Ploeg"), die Künstler wie Josua Reichert beeinflussten. Ende der 20er entwickeln Werkmans Arbeiten eine leuchtende Farbigkeit, und Mitte der 30er entstand - in Analogie zum damals angesagten "Hot Jazz" - die Serie "Hot Printing", figürliche bunte Impressionen eines heiter-beswingten Lebengefühls.

Im Untergrundverlag "De Blauwe Schuit" (Der blaue Kahn) schuf Werkman die "Chassidischen Legenden" und poetische Bilderserien, die zusammen mit Gedichten und historischen Texten als Statement gegen die Nazi-Okkupation und gegen die Verbrechen am jüdischen Volk lesbar waren.

In den 30ern und 40ern entwarf Werkman auch farbkräftige Visionen wie "Südseeinsel" oder "Küste eines warmen Lands" - Bilder, in denen er wie Gauguin oder Pechstein seine Sehnsucht nach einem irdischen Paradies verarbeitete. 1942 schrieb er: "Dorthin bin ich geflohen, weil es in unserer Welt fast nicht mehr auszuhalten ist."

Ausstellung - Öffnungszeiten - Biografie

Hot Printing. H. N. Werkman. 1882-1945 - Eröffnung der Ausstellung ist heute, Freitag, 27. November, 19 Uhr, im Städtischen Kunstmuseum Spendhaus. Eine Einführung spricht Prof. Henk van Os, vormals Direktor des Rijksmuseums Amsterdam.

Öffnungszeiten bis 28. Februar: Dienstag bis Samstag 11 bis 17 Uhr, Donnerstag bis 19, Sonntag/Feiertag bis 18 Uhr. Heiligabend und Silvester geschlossen.

Führungen Sonntag, 29. November, und Sonntag, 13. Dezember, je 15 Uhr.

Künstler Hendrik Nikolaas Werkman, geboren 1882 in Leens/Groningen, Niederlande, pendelte undogmatisch zwischen abstrakt und figurativ. Werkman hat verfolgten Juden Obdach geboten. Am 10. April 1945 wurde er von NS-Besatzern erschossen.

OP

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