Schnittkurs der anderen Art

Bereits in seiner Jugend hat Tübingens OB die Schnittkunst bei seinem Vater erlernt. Dieser wäre für die "einzig richtige Technik" fast im Gefängnis gelandet. Boris Palmer zeigte sich da kompromissbereiter.

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Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer veranschaulichte den Eningern die Schnittmethode seines Vaters Helmut. Foto: Mareike Manzke

Strahlender Sonnenschein und der prominente Lehrmeister Boris Palmer führten am Samstag rund 130 Eninger auf Einladung des Obst- und Gartenbauvereins "Auf die Ebene". Dort hatte das Mitglied Reiner Aschfalk Grundstück, Scheune und Anschauungsbäume zur Verfügung gestellt. Palmers Wirkung als "Menschenmagnet", die sich der Vorsitzende Rolf Schäfer erhofft hatte, hatte sich somit bewahrheitet. Sogar Mitglieder im Alter von über 90 Jahren ließen sich das Ereignis nicht entgehen.

Schäfer fühlte sich geeehrt, dass der Oberbürgermeister Eningen mit einem seiner seltenen Schnittkurse, die er ungefähr zweimal jährlich macht, bedachte. Den Kontakt hatte Bürgermeister Alexander Schweizer, der mit ihm im Regionalrat sitzt, hergestellt. Die Wahl des Zeitpunktes war allerdings nicht ganz ideal. Denn eigentlich, so Palmer, sei der Baumschnitt bereits ab 28. Februar verboten, um brütende Vögel nicht zu stören. Da er aber erkenne könne, ob sich darauf ein Nest befinde oder eben nicht, erklärte er sich dennoch dazu bereit.

Palmer freute sich sichtlich, so das Werk seines Vaters Helmut Palmer weiterzuführen. Mit im Gepäck hatte er das vom Senior geerbte Handwerkszeug. Die Auswahl der zwei Bäume fiel spontan. "In der Natur nimmt man es, wie es kommt", scherzte Schäfer, der für ihn die Leiter trug, wie er es auch schon für den Vater getan hatte. Dieser hatte seinen eigenen Schnitt, den Palmer-Oeschbergschnitt entwickelt. Bei diesem sollen drei bis fünf Leitäste steil - idealerweise im 45-Grad- Winkel - in die Höhe gezogen werden, während alles Flache ausgemerzt wird. Ziel sei, so Boris Palmer, die Form eines Weinglases.

Verpönt war dem "Remstal-Rebell" hingegen der altwürttembergische Schnitt, bei dem die Leitäste flach angelegt werden. So komme nicht genug Licht an die Äste, dementsprechend niedrig sei die Fruchternte. Den Schnitt seines Vaters verglich er hingegen mit demokratischen Grundwerten. "Man muss die oberen stutzen, damit die unteren mehr Licht kriegen."

Helmut Palmer zettelte mit seiner Überzeugung in den 50ern sogar die so genannten "Württembergischen Obstbaumkriege" an und schreckte auch nicht davor zurück, die Exemplare anderer ungefragt zu beschneiden. Als er einen öffentlichen Baum an einer Landstraße kurzerhand aus Protest gegen die allgemeine Vernachlässigung fällte, handelte er sich sogar ein Gerichtsverfahren ein. Bestraft wurde er deswegen letztlich nicht, wohl aber, weil er den Gerichtsdiener währenddessen beleidigte.

Sein Sohn machte sich deutlich bedächtiger und kompromissbereiter ans Werk. Zuerst legte er nach einer Begutachtung von allen Seiten einen Leitast fest. "Nicht direkt losschnibbeln", riet er dem Publikum. Bei der Auswahl ließ er auch durchaus mit sich diskutieren und erklärte auf Nachfragen hin ausführlich seine Entscheidungen. "Eine viel angenehmere Atmosphäre" als bei seinem Vater bescheinigte ihm daher Schäfer. Bei dem habe man sich kaum getraut etwas zu fragen, so der Vorsitzende. Schäfer selbst sieht die Frage des richtigen Schnittes eher pragmatisch. Er nutzt eine "verbesserte" württembergische Technik und richtet sich dabei nach praktischen Gesichtspunkten wie etwa der Mähbarkeit unter dem Baum. "Ich will mein Obst", lautet sein einziges Hauptaugenmerk.

War die Wahl des Leitastes getroffen, handelte Palmer nach dem Prinzip "Was flach wird, fliegt raus" und kürzte restliche Zweige. Dabei bezog er auch mit ein, welche sich davon als zukünftige Leitäste eignen könnten. Bei einem "Zwitterbaum", der Kriterien beider verfeindeter Schnitttechniken vereinbarte, entschied er sich für einen moderate Kürzung. "Wenn ich gleich die richtige Form herstelle, verliere ich Obst", erläuterte er. Außerdem könnte der Baum an großen Schnittstellen zudem anfällig für Fäule werden. Gut Ding will eben - wie auch in der Politik - Weile haben.

Bei solch langfristig angelegten Entscheidungen kam Schäfer direkt auf die Idee, dass Palmer unbedingt Eningen wieder einen Besuch abstatten müsse. Schließlich wisse jemand anderes ja nicht, welche Äste wofür eingeplant seien. "Wenn ich als OB wiedergewählt werde, komme ich erneut", versprach dieser daraufhin.

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