Richtig Kohle gemacht

Weil sie die Region mit rund einem Zentner Marihuana versorgen wollten, stehen seit Mitte März drei Männer vor dem Landgericht Tübingen.

|

Sechs Jahre Haft für den Organisator des Deals forderte die Anklage. Der 52-jährige Lichtensteiner ist nach Ansicht von Oberstaatsanwalt Bernhard Henn derjenige, der zwischen Juli und November 2012 drei Marihuana-Lieferungen organisiert haben soll. Auf sein Geheiß habe demnach ein Kurierfahrer den Stoff aus den Niederlanden über Westfalen in den Südwesten gebracht. Dort standen offenbar ein 57-jähriger Pfullinger und ein 53-Jähriger aus dem Landkreis Esslingen als Abnehmer parat. Auch ihnen wird vor dem Tübinger Landgericht der Prozess wegen Handels mit Betäubungsmitteln gemacht.

So gleichlautend der Vorwurf, so unterschiedlich bewertete Henn die Tatbeteiligungen der Männer. Den 53-Jährigen bezeichnete er als "Randfigur". Dieser hatte eingeräumt, einmal sechs Kilogramm aus einer der Lieferungen erhalten zu haben. Sein Geständnis, sein bislang unbescholtenes Vorleben, aber auch die offenbar eindrückliche Zeit der neunmonatigen Untersuchungshaft, verleiteten Henn dazu, "ein Auge zuzudrücken" - zumal der Mann sich um seine psychisch kranke Ehefrau kümmern wolle. Als Quittung hielt Henn eine zweijährige Bewährungsstrafe für angemessen sowie die Ableistung von 100 Sozialstunden.

In einer buchstäblich anderen Gewichtsklasse wähnte Henn den 52-jährigen Lichtensteiner: "Er ist der Organisator dieser Taten gewesen." Die Motivation des einschlägig Vorbestraften liege auf der Hand: "Da wird richtig Kohle gemacht." Einen Eindruck davon vermittelte zuvor ein Ermittler, der die finanziellen Verhältnisse des gelernten Lackierers durchleuchtet hatte, dennoch nicht eindeutig klären konnte, wo die Vermögenswerte herkommen: Ein frisch renoviertes Haus, enorme Bargeldbestände, mehrere Oldtimer und wertvolle Uhren kamen ebenso zu Tage wie ein rund 221 000 Euro schweres Sparbuch. Auf das Sparbuch verzichten zu wollen, das erklärte der Geständige am Dienstag mit seiner Unterschrift. Als "starkes Pfund" wertete Henn den Vermögensverzicht, der den Wert der 50 Kilogramm Drogen decke. Gleichwohl, für den dreimaligen Drogenhandel will er ihn für sechs Jahre hinter Gittern sehen.

Vier Jahre hält sein Verteidiger Christian Arnsperger für angemessen: "Er stand im Hintergrund und hat die Hand aufgehalten", aber eben nicht selbst mit den Drogen hantiert. Das, aber auch sein Vermögensverzicht, gelte es, in Form einer milderen Strafe zu würdigen.

Noch bevor die Kammer um die Vorsitzende Richterin Maria-Anna Schmid die Plädoyers entgegennahm, trennte sie das Verfahren gegen den mitangeklagten Pfullinger ab. Seine Verteidiger wollen Zeugen aus Frankreich laden und so beweisen, dass der 57-Jährige nicht von der dritten Drogen-Lieferung profitierte. Als die ankam, soll der Musiker in St. Tropez aufgetreten sein. Einen chronischen Missbrauch von Cannabis und Alkohol attestierte dem Pfullinger der psychiatrische Gutachter Heiner Missenhardt, Hinweise auf eine Beeinträchtigung seiner Schuldfähigkeit erkannte er hingegen nicht. Für wahrscheinlich hält es Missenhardt aber, dass er sich mit dem Verkauf der Drogen seine eigene Sucht finanzieren wollte und dies auch in Zukunft tun würde. Um sein "eingefahrenes Lebensmuster" zu beeinflussen, hält Missenhardt eine zweijährige Suchttherapie für erforderlich. Der Prozess gegen den 57-Jährigen soll am 15. Mai fortgesetzt werden. Das Urteil gegen die Mitangeklagten will die Kammer am 5. Mai sprechen.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Unterwegs in ein neues ÖPNV-Zeitalter

Der Gemeinderat hat gestern Abend mit großer Mehrheit den Grundsatzbeschluss für ein neues Stadtbuskonzept gefasst. Die Umsetzung soll im zweiten Halbjahr 2019 starten. weiter lesen