Rhapsody in blue

Die Selbstvergessenheit des Musizierens: Das ist eines der Themen der Stahlskulpturen und Ölbilder von Tarek Lutz. Der Reutlinger Künstler zeigt seine Werke im Architekturbüro PLAN_i in der Planie 9.

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Feingliedrige Stahlskulpturen erzeugen spontane Lebendigkeit bei dem Reutlinger Künstler Tarek Lutz. Foto: Jürgen Spieß

Kann man die menschliche Anatomie auf eine Skulptur aus Stahl übertragen? Was bedeutet abstrakt? Wie wirkt der Mensch auf seine Umgebung und was drückt seine Körperhaltung aus? Alles Fragen, die sich der 1969 in Reutlingen geborene und nun bei Leinfelden lebende Maler und Bildhauer gestellt hat, als er sich an die Arbeit seiner feingliedrigen Skulpturen aus schwarz gezogenem Armierungseisen machte. Überhaupt ist Tarek Lutz ein umtriebiger Bursche - im wahrsten Sinne des Wortes: Er arbeitete als Diplom-Physiker am Naturwissenschaftlich-Medizinischen Institut Reutlingen, hat an Freestyle-Ski-Europa- und Weltcup-Rennen teilgenommen und sieben Jahre in Irland gelebt. Dagegen kennzeichnen vor allem das Interesse für Abstraktion und Reduzierung die Arbeiten von Tarek Lutz, der sich von der kinetischen Kunst des Schweizer Objektkünstlers Jean Tinguely inspirieren ließ.

Mitte der 90er Jahre begann der studierte Physiker zunächst mit Holz zu experimentieren. Es entstanden Figuren von bekannten Jazzmusikern, die er aus einem Baumstamm sägte. Bald schon ging er dazu über, die ersten frei im Raum stehenden, meist unterlebensgroßen Eisenskulpturen zusammen zu schweißen. Dabei verdichten sich die Eisenstäbe zu fragilen Gestalten, "die durch den Gegensatz einer möglichst reduzierten und nüchternen Darstellung und einer gleichzeitigen Reduktion auf das Wesentliche den Charakter spontaner Lebendigkeit erhalten", so der Künstler, der seine Kindheit und Jugend in Metzingen verbrachte. Häufig steht die Leidenschaft für Jazz und die Selbstvergessenheit des Musizierens im Zentrum - bei dem Klavierspieler mit dem Titel "Rhapsody in blue" ebenso wie bei der Figurengruppe "Jazz und Chet" aus dem Jahr 2001, bei der Jazzgrößen wie Chet Baker, Miles Davis und John Coltrane als jammende Silhouetten versammelt sind: "Mich fasziniert die Besessenheit dieser Musiker, ihre Lebensweise und Lebenseinstellung, die durch ihre Körperhaltung zum Ausdruck kommt", so Lutz. Die Ausstellung widmet sich dem ganz eigenen Zugang des Künstlers zur Skulptur und stellt gemalte Bilder und Installationen aus Stahl und Eisen einander gegenüber.

Denn die Reduktion aufs Wesentliche setzt sich auch in Lutz Ölbildern fort. Strichmännchen vor buntfarbigem Untergrund bilden hier patchworkartige Muster, denen ein ähnlicher Ausdruck von Lebensfreude innewohnt wie den Skulpturen. Neben der Körperhaltung der abstrakten Figuren liegt ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeiten in der Thematisierung von Zeit. Wartende Personen stehen in einer langen Reihe und scheinen die Zeit zu vergessen. Analoge Tendenzen finden sich auch in den Darstellungen der Jazzmusiker, "die sich in ihrer Musik verlieren und die Zeit darüber vergessen".

Dass auch dunkle Stahlteile voller Leichtigkeit in der Luft schweben können, zeigen die Skulpturen von Lutz. Er überwindet die Grenzen der Physik, indem er geschwungene Linien, Halb- und Viertelkreise aus Eisen oder Stahl verspannt. Hier kann nichts kippen oder fallen. Die Arbeiten leben von der Spannung der Aufhebung der Schwere.

Info Die Ausstellung von Tarek Lutz läuft noch bis 20. Dezember im Architekturbüro PLAN_i.

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