Reutlinger Tafel sucht dringend Ehrenamtliche

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Vanessa Freihammer, Ulrike Thissen und Andrea Pastoors (von links) sind drei von rund 50 Ehrenamtlichen, die in der Reutlinger Tafel helfen – doch es fehlen weitere Ehrenamtliche.  Foto: 

Die meisten Lebensmittel, die in der Tafel extrem günstig verkauft werden, stammen aus Überproduktionen. Eine Lkw-Ladung voll mit Joghurt etwa, wie Reutlingens Tafel-Chefin Rose Biedermann berichtet. Überproduktion? Ja. „Die Disponentin im Ostalbkreis, die für die Regionen Stuttgart, Ostwürttemberg, Singen, Mannheim, Rems-Murr und Raststatt zuständig ist, muss sich bei einem Anruf blitzschnell entscheiden, ob sie beispielsweise die Paletten Joghurt nimmt oder nicht“, berichtet Rose Biedermann gegenüber unserer Zeitung. In diesem Fall hat sich die Disponentin dafür entschieden, ein anderes Mal auch – allerdings für Nagellack. Da waren es noch mehr Paletten. Auch den Lack für die Nägel müssen die Regionaltafeln abnehmen, die von den sechs Logistikzentren im Land bestückt werden.

Reutlingen kriegt seine Waren über das Zentrum Stuttgart, weil Reutlingen als Regio-Tafel zur Landshauptstadt gerechnet wird. An der Regionaltafel in der Achalmstadt hängen acht weitere Tafeln in den Landkreisen Reutlingen, Tübingen und Zollern-Alb. Wie in einem riesigen Konzern wird die Verteilung der Lebensmittel mittlerweile abgewickelt, dazu gibt es landes- und sogar bundesweite Logistikzentralen. „Man muss bei all dem sehen, dass die Waren ansonsten vernichtet würden“, sagt Biedermann. Und die Lieferung an die Tafeln sei offensichtlich immer noch billiger als die Kosten für die Verbrennung oder anderweitige Entsorgung. Zu der Überproduktion der Lebensmittelproduzenten kommen weitere Faktoren hinzu: „Wir hatten mal palettenweise Käse hier, der ist einfach falsch etikettiert worden“, erinnert sich Biedermann. „Oder Paletten voll mit Tomaten, die sind in falschen Kisten gelandet, wir kriegten dann die Auflage, die Tomaten aus den Kisten rauszunehmen.“

Kaum vorstellbar, dass es billiger sein soll, tonnenweise Früchte oder Käse an die Tafeln zu liefern, anstatt sie umzupacken. Doch so ist das System. Dazu gehört auch, dass Großbäckereien ihre Maschinen Tag und Nacht durchlaufen lassen – weil das billiger ist als sie abzustellen. Die Überproduktion ist mit eingerechnet, die Brote, Brötchen, Kuchen werden entweder vernichtet oder verbrannt. Oder sie werden im besten Fall in den Tafeln verkauft und die Bedürftigen im Land profitieren davon.

Und wie sieht es aus mit den Kundenzahlen in der Reutlinger Tafel? „Die sind leicht gestiegen, was aber nicht nur mit den Flüchtlingen zusammenhängt“, betont Sozialdiakonin Biedermann. Dabei kämpfe die Tafel in Reutlingen nicht mit dem Neidgefühl, „dass andere Bedürftige sagen, die Flüchtlinge nehmen uns alles weg“ – so wie es andernorts wohl hin und wieder vorkomme. Und die Kunden, die schon ab 3 oder 5 Uhr morgens vor der Tür gewartet haben, so wie es einige Zeit in Reutlingen der Fall war? „Das gibt es nicht mehr, seit wir die Einkaufsnummern verlosen“, sagt Rose Biedermann. „Dabei können die Leute gut und gerne auch um 14.30  Uhr noch ohne jedes Gedränge einkaufen.“ Das funktioniere sehr gut, weil die vorhandenen Waren ja eingeteilt werden. Jetzt, gerade nach der Erntedank-Zeit seien ausreichend Waren vorhanden, besonders Haltbares – was sonst das ganze Jahr über ganz knapp sei – können die Bedürftigen nun für wenig Geld erhalten. „Sehr positiv bei uns ist, dass wir immer Kartoffeln haben, die kriegen wir von zwei Bauern aus der Region.“ Und der Vorteil gegenüber anderen Tafeln bestehe in Reutlingen auch darin, dass mit insgesamt 20 Supermärkten, die von den Tafel-Fahrern angesteuert werden, mehr Warengeber vorhanden sind als in ländlicheren Regionen.

Woran es in der Reutlinger Tafel aber fehlt, sind die Ehrenamtlichen. Besonders Fahrer würden dringend benötigt, sagt Biedermann. „Zwei hören zum Jahresende auf, wir brauchen also für freitags dringend Nachwuchs.“ Ein besonderes Phänomen haben auch andere Tafeln im Land festgestellt: Die 90 Prozent Rentner, die sich als Fahrer, in der Waren-Vorbereitung oder beim Verkauf engagieren, haben weniger Zeit. „Früher gab es einige, die sagten: Ruft mich an, ich kann jederzeit einspringen“, berichtet Rose Biedermann. Das gebe es heute so gut wie gar nicht mehr. Entweder haben Rentner heute eine Vielzahl an ehrenamtlichen Tätigkeiten „oder sie müssen sich in einem Nebenjob was dazuverdienen“. Natürlich komme bei den Älteren hinzu, dass öfters das Zipperlein plagt. Unter den Jüngeren gebe es hingegen kaum mal jemand, der sich ehrenamtlich in der Tafel einbringen wolle oder könne.

Helfer in der Vorbereitung und beim Verkauf sowie auch Fahrer werden in der Reutlinger Tafel dringend benötigt. „Freitags zwischen 7.30 und 12.30 Uhr brauchen wir Fahrer, vor allem dienstags und donnerstags Unterstützung im Verkauf und bei der Vorbereitung“, sagt Tafel-Chefin Rose Biedermann. Springer wären natürlich in allen Bereichen hervorragend, wenn sie auch mal kurzfristig einspringen könnten, wenn andere wegen Krankheit, Urlaub oder anderem ausfallen. „Man muss natürlich immer sehen, dass die Helfer das rein ehrenamtlich tun“, so Biedermann. Und im Ehrenamt können natürlich alle jederzeit sagen: Nö, will nicht mehr. nol

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