Reif durch die Flucht

So unterschiedlich die Lebenslinien der Stipendiaten Abas Al-Khafadji und Abdul Wahed Alizade sind. Sie zeichnen zwei junge Menschen, die mit einem starken Willen Chancen verstehen und beanspruchen.

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  • Am Marktbrunnen: Abdul Wahed Alizade kam vor fünf Jahren als "UMF" nach Deutschland und erhielt ein Stipendium für Hochbegabte. Fotos: Angela Steidle 1/2
    Am Marktbrunnen: Abdul Wahed Alizade kam vor fünf Jahren als "UMF" nach Deutschland und erhielt ein Stipendium für Hochbegabte. Fotos: Angela Steidle
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    Stipendiat Abas Al-Khafadji ist stolz, einer der 50 Besten im Land zu sein.
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"Bildung ist der Schlüssel zu einer selbstbestimmten und erfolgreichen Zukunft." Die Baden-Württemberg-Stiftung und die Robert-Bosch-Stiftung investieren jährlich in 50 "Talente im Land", um Bildungschancen gerechter zu verteilen. Aus dem Raum Reutlingen sind immer wieder Jugendliche mit Migrationshintergrund dabei. Der 16-jährige gebürtige Iraker Abas Al-Khafadji, Schüler am Friedrich-List-Gymnasium, ist einer davon. Abdul Wahed Alizade aus Afghanistan hat das Programm in Stuttgart durchlaufen und schließt jetzt sein erstes Semester an der Hochschule in Reutlingen ab.

Wer um Perspektiven kämpft wie Wahed, gibt sich nicht mit der zweiten Garnitur zufrieden. Der angehende Wirtschaftsingenieur wollte unbedingt an die Hochschule mit dem besten Ruf.

Abas Al-Khafadji ist smart, aufgeweckt und überaus gut erzogen. Seit wann er deutscher Staatsbürger ist? "Seit 2005, mit sechs Jahren, zur Einschulung in Gönningen." Der Vater hatte in Deutschland einen Asylantrag gestellt: "Nach der Kuwait-Krise 1990/91 gab es im Irak keine Zukunftsperspektiven mehr für seine Kinder. Ein Cousin ging morgens zur Arbeit und kam nicht mehr zurück. Der war so alt wie ich jetzt, 16". Abas ist das sechste von acht Kindern. Zwei seiner Schwestern studieren Jura, ein Bruder ist Bauingenieur, ein anderer studiert Maschinenbau in Dortmund.

Der Reutlinger Gymnasiast hat sehr genaue Vorstellungen von seiner eigenen Zukunft: "Ein duales Studium mit Praktika bei Bosch und Daimler. Bis zum Bachelor die baden-württembergische Industrie nutzen und dann den Master im Ausland machen."

Der gebürtige Iraker ist vielseitig engagiert: "Ich hab' in meinen jungen Jahren nur Wissen. Das möchte ich gerne weitergeben." Er interessiert sich für Geschichte, Politik, Englisch, Physik und Wirtschaft. Beim Mittelstufenprojekt "Junior" am Friedrich-List-Gymnasium ist er Vorstandsvorsitzender einer fiktiven Textil-AG. Für das Stipendium "Talente im Land" hat er sich selbst beworben, "weil es hilft, Hürden zur Karriereleiter zu nehmen. Man lernt richtig interessante Leute kennen, die nochmals einen Push geben". Eine weitere Bewerbung beim "United World College" ist in Arbeit.

Der junge Deutsche möchte sein Abitur auf Englisch machen. "Mein Vater ist super stolz. Er will die Stiftungs-Urkunde im Wohnzimmer aufhängen", erzählt Abas. "Ich bin jetzt Stipendiat. Das gibt einem das Gefühl, das Richtige zu machen. Es gibt Menschen, die an dich glauben, die Medien interessieren sich für dich. Das hat Niveau. Es gibt viele Jungs in meinem Alter, die ganz anders drauf sind."

Abas Al-Khafadji kann sich durchaus vorstellen, zu seinen Wurzeln zurückzukehren: "Wenn's im Irak wieder sicher wird. Wenn das Geld in Ausbildung und Forschung investiert wird." Bis dahin macht er gerne Dinge wie "Poetry Slam", Aktionen gegen Extremismus, setzt sich für Kinder mit Migrationshintergrund ein und strickt am Karriere-Netzwerk.

"Das Leben eines Menschen ist sehr wichtig. Für seine Familie", sagt Abdul Wahed Alizade mit starker Überzeugungskraft, "die Flucht hat mich reif gemacht. Das Leben zuhause ist schwierig geworden. Der Bruder kümmert sich nicht mehr um den Bruder. Es ist keiner da." Zwei- bis dreitausend Euro kostete 2009 das Schleusen eines Flüchtlings von Griechenland nach Italien. Abdul Wahed war auf der Flucht vom Iran über die Türkei nach Deutschland 16 Jahre alt und musste seine Mutter alleine in Teheran zurücklassen. Bereits mit zwölf war er mit seinen Eltern vor den Taliban aus Afghanistan geflohen: Die Mutter hatte als Lehrerin Arbeitsverbot. Das Leben seines Bruders hatte eine Mine zerfetzt, ein anderer war erschossen worden. Sie kamen bei einem Textilfabrikanten unter, für den sein Vater und er gearbeitet hatten, als er zwölf war.

Wenig später starb auch sein Vater bei einem Selbstmordanschlag nahe Kabul, als er Papiere für die Einwanderungsanträge in den Iran beschaffen wollte. "Du musst nach Europa", war das Vermächtnis der Mutter an ihren Sohn. Der lieferte sich der Willkür krimineller Schleuserbanden aus: "Man wird einfach weggesperrt. Das Handy liegt bei denen in der Schublade. Wenn das Boot kaputt ist rufen sie deine Mutter an: Schick mir 20 000 Euro, sonst stirbt dein Junge. Sie bekommen das Geld, schmeißen dich raus oder bringen dich zur Polizei. Du kennst nicht mal ihre Gesichter." Beim fünften Anlauf gelingt die Überfahrt in einem alten Schlauchboot von Izmir an die griechische Küste. Nächte im Wald und im Untergrund, 36 Stunden in einem dunklen Versteck auf einem Lastwagen Richtung Rom. Nach sechsmonatiger Flucht wird Abdul Wahed Alizade Ende Dezember 2009 auf dem Hauptbahnhof in Stuttgart aufgegriffen, als "UMF" (unbegleiteter minderjährige Flüchtling).

Vor ein paar Tagen hat der Reutlinger Student mit seiner Mutter telefoniert: Der iranische Textilfabrikant, bei dem sie untergetaucht ist, ist mit 50 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben.

"Jetzt wird's für meine Mutter im Iran richtig eng", sagt er mit brüchiger Stimme, "sie weiß nicht, ob sie in der Familie bleiben kann. Die Afghanen haben gar keine Rechte im Iran. Sie hat Asthma und es gibt kein Visum." Er versucht sie am Telefon zu beruhigen, dass alles gut wird. Selbst weiß er: "Du kennst den Weg. Meiner Mutter würde ich das nicht zutrauen." Fünf Jahre in Deutschland: In Stuttgart war Abdul Wahed nach seiner Ankunft zu Gast in der achten Klasse. Er lernte extrem schnell, obwohl er nie eine Schule besucht hat. Seine Mutter hat ihn zuhause unterrichtet. Seine Rektorin schlägt ihn für das Stipendium der Landes- und Robert-Bosch-Stiftung vor. Seinen Hauptschulabschluss absolviert er als Klassenbester. Er war Klassen- und Schulsprecher und begleitet einmal im Monat die neuen "UMFs": "Ich bin einer von ihnen. Ich kenne die ganzen Behörden. Man gibt etwas zurück. Ich mach's sehr gerne." Er nimmt an einer Podiumsdiskussion in Köln teil. Vor ihm sitzen "Entscheider von ganz oben". Wahed Alizade schildert die Asyl-Praxis aus seiner Sicht: Das Warten auf Antworten, das ständige Nachgraben, Schicksale zwischen Türmen von Aktendeckeln und Formularen und Menschen, die fragen: "Was will der von mir? Werd' ich wieder zurückgeschickt, wenn ich das unterschreibe?"

Abdul Wahed nutzt die Publicity und das Medieninteresse: "Man hat einen besseren Ruf, wenn man einer der 50 besten Schüler in Baden-Württemberg ist." Die Robert-Bosch-Stiftung, sagt er, "übernimmt die Problematik, wie sie ist. Da bekommt man immer eine Antwort! Ich habe neben dem Studium her so viel Stress mit den Behörden. Es ist alles im Dreieck organisiert." Zwischen Jugendhilfe, Wohnsitzauflage, BAföG-Amt und Visum. Die Aussicht auf ein Studien-Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung ist ein Anker: "Die Flucht hat mich reif gemacht. Ich setz' mich durch!" Abdul Wahed Alizade ist seit Weihnachten 2012 "anerkannt". Er weiß, dass er sich sehr verändert hat, seit er hier ist: "Afghanistan und Deutschland sind zwei Welten. Egal, wie's gekommen ist, jetzt bin ich Student. Und ich bin echt froh, dass ich in Reutlingen angekommen bin. Ich werde hier bleiben."

Das Stipendienprogramm

"Talente im Land" der Baden-Württemberg-Stiftung und der Robert-Bosch-Stiftung unterstützt jährlich 50 begabte Schüler ab Klasse 7 auf ihrem Weg zum Abitur oder zur Fachhochschulreife. Neben individuellen Begabungen müssen die Schüler Ausdauer, Zielstrebigkeit und soziales Engagement nachweisen. Unterstützt werden Jugendliche aus benachteiligten Familien. Neben einer finanziellen Förderung und einem hochwertigen Seminarangebot auch im benachbarten Ausland erhalten die Stipendiaten über den Schulabschluss hinaus eine kompetente individuelle Beratung und den Anschluss an ein wertvolles Netzwerk auf der Zielgeraden zu "gerechten Bildungschancen". "Talente im Land" gibt es als Kooperation seit 2003.

ANE

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