Rasant-nervöser Großstadt-Jazz

Ihr erster Fan hieß Claudia: Da liegt es nahe, als Bandnamen Claudia Quintet zu wählen. Die Formation aus New York lieferte in Tobias Festls ehrgeiziger Jazzreihe ein vielseitiges und hochkarätiges Konzert ab.

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Gäste aus New York in Reutlingen: das Claudia Quintet. Foto: Jürgen Spiess

Den Rahmen des Abends bildet der Monat September, in dem vor zwölfeinhalb Jahren New York die schwersten Stunden seiner Geschichte erlebte. Der 11. September 2001 ging als Symbol für patriotische Trauer und Ängste in die Annalen ein. Und der vierfach grammy-nominierte Drummer und Komponist John Hollenbeck macht daraus eine musikalische Gratwanderung zwischen zugespitztem Modernjazz, schräger Minimal Music und Tongemälden in waghalsiger Nujazz-Manier.

Allein schon die ungewöhnliche Instrumentierung lässt aufhorchen: Neben Bandleader und Drummer John Hollenbeck und seinem langjährigen Bassisten Drew Gress komplettieren der Saxophonist Chris Speed, der Vibraphonist Matt Moran und der Akkordeonist Red Wierenga das Quintet.

Ausgestattet mit einem Gespür für die Balance zwischen herb archaischen Wendungen und überraschenden Improvisationen entwerfen die fünf New Yorker ein Soundgefüge, das angelehnt ist an die kargen, diszipliniert geschichteten Arrangements eines Steve Coleman.

So überraschend, wie die unvorhersehbaren Klanggebilde ins Ungefähre, sprich Improvisierte fallen, so unvorbereitet zielen sie auch wieder auf das nächste Thema. Dieses verknüpfen die meist todernst dreinschauenden Jazz-Anarchisten mit dem vorigen, um dann wiederum abzuschweifen und die Hoffnungen der Zuhörer auf geordnete Geräusche jäh zu zerstören.

Risikobereitschaft und die Vielfalt subtiler rhythmischer Muster werden bei dieser Combo groß geschrieben. Mal bemüht das Akkordeon von Red Wierenga eine eher nachdenkliche Folkmelodie, dann wieder dehnt Vibraphonist Matt Moran seine Improvisationen bis ins Unendliche. Oder Chris Speed umkreist mit seinem Baritonsax die Teile einer zerborstenen Melodie.

Oft erinnern die Improvisationen an die New Yorker Downtown-Szene im Dunstkreis der Knitting Factory, an eine Zeit der radikalen musikalischen Manifeste. Aber es gibt auch ruhige, nachdenkliche Momente, etwa in dem Wayne Shorter gewidmeten Stück "9th: Wayne Phases" oder im ebenfalls von John Hollenbeck komponierten Titel "22nd: Love is its own eternity".

Der Rest ist harte Arbeit: Soviel Freiheit Hollenbecks Mitspieler auch in ihren Soli haben, in den Bandarrangements müssen sie funktionieren wie gut geölte Maschinen. Was Hollenbeck hier ohne jegliche schriftliche Notation steuert, ist ehrgeizig - und es nimmt einem vor lauter Geschwindigkeit fast den Atem.

Vor dem durchlaufenden Puls von Kontrabass und Schlagzeug lässt er seine Mitspieler zuweilen auseinander driften, lässt Akkordeon, Saxophon und das ab und an mit einem Bogen bearbeitete Vibraphon mal gegen-, mal miteinander agieren. Das erreicht, wenn es gut geht, die hymnische Vielfalt der Musik eines John Coltrane. Stürzt aber auch mal gnadenlos ab.

Das 1997 von John Hollenbeck gegründete Ensemble schafft bei seinem umjubelten Auftritt durchweg eigenwillige Soundgebilde. Vor allem das Zusammenspiel der einzelnen Musiker ist kaum zu überbieten. Jeder einzelne besticht wiederholt durch brillante Läufe, ohne in pure Virtuosität abzugleiten.

Die Band versteht es wie nur ganz wenige, Tempi und Klangfarben zu variieren und Spannung zu erzeugen. Mit Schmackes werden da Klänge auseinandergenommen und neu zusammengesetzt - und alles in einer Schnelligkeit, "die einem fast die Schuhe auszieht", so eine erstaunte Zuhörerin.

Es ist nicht einfach, bei soviel Originalität jemanden herauszuheben. Auffallend modern und schräg spielen sie alle. Es ist vor allem diese furios dahinstürmende Risikobereitschaft, die das Claudia Quintet von der Bügelfalten-Ästhetik des ebenfalls in New York angesiedelten Marsalis-Clans unterscheidet und dieses Konzert zu einem echten Erlebnis macht.

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