Projekt sollte Chefsache sein

Im Sommer präsentierte der Reutlinger Geschichtsverein ein Nutzungskonzept für die mittelalterlichen Bürgerhäuser in der Oberamteistraße. Jetzt stand das Thema im Fokus einer Diskussion des SPD-Ortsvereins.

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  • Podiumsdiskussion zur Zukunft des historischen Häuserensembles in der Oberamteistraße 28 bis 32 mit (von links): Dr. Boris Niclas-Tölle, Dr. Christl Ziegler, Professor Roland Wolf und Dr. Carl-Gustav Kalbfell. Fotos: Ralf Ott 2/2
    Podiumsdiskussion zur Zukunft des historischen Häuserensembles in der Oberamteistraße 28 bis 32 mit (von links): Dr. Boris Niclas-Tölle, Dr. Christl Ziegler, Professor Roland Wolf und Dr. Carl-Gustav Kalbfell. Fotos: Ralf Ott Foto: 
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Unter der Überschrift "Das Reutlinger Stadtmuseum - Ein Konzept für die Oberamteistraße" holte der Reutlinger Ortsverein der SPD mit Professor Roland Wolf (Vorsitzender des Geschichtsvereins), Dr. Carl-Gustav Kalbfell (Vorsitzender des Altstadt-Freundeskreis) sowie Dr. Christl Ziegler (Frauengeschichtswerkstatt) engagierte Fürsprecher einer Sanierung der im späten 13. und frühen 14. Jahrhundert errichteten Bürgerhäuser aufs Podium. Das Ziel ist klar: "Wir dürfen das historisch wertvolle Ensemble nicht dem Verfall preisgeben", sagte der Reutlinger SPD-Ortsvorsitzende Dr. Boris Niclas-Tölle eingangs. Die Gebäude in der Oberamteistraße 28 bis 32 weisen viele bauhistorisch interessante Details auf wie eine Stube mit einer gewölbten Bohlendecke aus dem Jahr 1320, einen im Mittelalter angelegten, heute zugemauerten Durchgang zum Garten (Königsbronner Hof) oder besondere Keller.

Errichtet wurden die Häuser als zusammenhängende Reihe, an deren Ende ein Turm in der Stadtmauer für Stabilität sorgte. Der Turm ist längst Geschichte und das so genannte Turmhaus auf dem Grundstück Nummer 34 wurde 1972 abgerissen. Folge: Die beiden übrigen Häuser gerieten in Schieflage und mussten vor einigen Jahren mit schrägen Holzstützpfeilern gegen den Einsturz abgesichert werden.

Der Erhalt eines der deutschlandweit ältesten noch bestehenden Häuserensembles steht für den Reutlinger Geschichtsverein außer Frage. "Erforderlich ist eine denkmalgeschützte Restaurierung und gleichzeitige Präsentation der Häuser als anschauliches Beispiel für die reichsstädtische Wohnkultur." Zusammen mit einem Neubau auf dem Grundstück Nummer 34 mit Platz für Haustechnik, Verwaltungs-, Veranstaltungs- und Gruppenräumen könnten dann auch diejenigen Exponate der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, die aus privater Hand 1939 in den Besitz der Stadt übergingen und großenteils aus Platzmangel nicht gezeigt werden.

Dabei stützt sich der Geschichtsverein auf den 1987 verabschiedeten Museumsplan, 2006 durch das städtische Kulturkonzept ergänzt. Ziel ist die Erweiterung des 1996 fertiggestellten Heimatmuseums mit einem zweiten Bauabschnitt. Aus der Sicht von Ziegler ließe sich damit auch Raum schaffen für die - heute unzureichende - Darstellung historisch bedeutsamer Frauen in der Stadtgeschichte.

Der Altstadt-Freundeskreis setzt auf das bürgerschaftliche Engagement zur Rettung der Häuser. Der Verein als Träger könne im Bereich Denkmalförderung beim Landessanierungprogramm, durch Spenden oder Handwerkerleistungen das Ziel unterstützen. "Für eine rein museale Nutzung sehen wir keine Mehrheit in den Gremien", sagte der Freundeskreis-Vorsitzende Dr. Carl-Gustav Kalbfell.

Entscheidend für die Sanierung ist das Geld. Rund zehn Millionen Euro stehen laut Kalbfell im Raum. Eine Summe, die es "noch einmal zu rechnen gilt", wie Wolf betonte. Zudem müssten alle Fördermöglichkeiten geprüft werden, sagte der Geschichtsvereinsvorsitzende und forderte dazu auf, alle etwaigen Fördermöglichkeiten zu prüfen.

Das setzt den Abschluss der derzeitigen denkmalpflegerischen Untersuchungen, die mit der von Seiten des Denkmalamts geforderten Genauigkeitsstufe III erfolgen, voraus, wie der frühere Gebietsreferent der Landesdenkmalpflege, Dr. Günter Kolb, betonte. Eine Erschließung der fraglichen Gebäude für die Öffentlichkeit ist ihm zufolge nur stockwerkweise durch Zugänge im Neubau möglich.

Mit Blick auf das historisch sanierte Humpis-Quartier in Ravensburg votierte auch Niclas-Tölle für eine "Mehrfachnutzung", die aber "Grenzen hat".

An die Option eines Verkaufs an die GWG erinnerte Grünen-Stadtrat Holger Bergmann. Nach der Sanierung könnte die Stadt die Gebäude anmieten.

Als "Privatmann" forderte RT-aktiv-Chef Peter Voss, sich zunächst Gedanken über die Finanzierbarkeit zu machen. Der Gemeinderat wolle den Erhalt, gebe seit 25 Jahren das Geld aber anderweitig aus. Die Stadt habe derzeit aber keine acht oder neun Millionen Euro übrig. "Es wäre besser, über andere Wege nachzudenken", so Voss. Obendrein habe auch die SPD seit der Vertagung im Gremium keinen neuen Antrag mehr gestellt.

Als SPD-Fraktionsvorsitzender verwies Helmut Treutlein auf das Patt im Rat. Grundlage für weitere Entscheidungen sei das Ergebnis der laufenden bauhistorischen Untersuchung. Die Stadt brauche die Häuser für eine museale Nutzung.

Aus der Sicht des Altstadt-Freundeskreises hat das Projekt nur eine realistische Chance, wenn es von OB Barbara Bosch zur Chefsache erklärt werde - genau das wünschte sich Kalbfell abschließend.

Fakten zum Gebäudeensemble in der Oberamteistraße

Die Oberamteistraße

28 bis 32 wurde in den Jahren 1316 bis -20 errichtet und damit in der Frühzeit der Reichsstadt. Das Ensemble gehört zu den ältesten in Deutschland noch erhaltenen Häuserzeilen.

Als historische Besonderheiten gelten die Wohnstube mit einem Bohlendach, eine Bretterwand die um 1320 herum entstand, der Durchgang von der Straße, der als Verbindung zwischen Königsbronner und Marchtaler Hof diente, Keller mit Holzbohlen als Flachdecke beziehungsweise in Steinbauweise.

Durch die Errichtung der Häuser in Reihenbauweise haben sich diese in der Vergangenheit statisch gegen das "Turmhaus" an der Stadtmauer abgestützt. Nach dem Abriss 1972 haben sich die verbleibenden Gebäude zur Seite geneigt. 2012 hat die Agentur Space4 eine Studie zur Nutzung als Wohn-, Museums- und Gewerberaum erstellt.

Im Haushaltsplanentwurf 2013/14 waren 9 Millionen Euro für die Sanierung geplant. Übrig blieben nach Kürzungen 250 000 Euro. 2014 wurde der Verkauf an einen Investor vorgeschlagen, heuer gründete sich der Altstadt-Freundeskreis.

SWP

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