Primat der Politik herstellen

Dem Bildungszentrum Reutlingen Nord Gymnasium (BZN) wurde eine besondere Ehre zuteil, als dieser Tage ein wahres Urgestein der Bundespolitik das Studienzentrum betrat: Erhard Eppler (SPD).

|
Quer- und Vordenker der SPD: Erhard Eppler zu Gast am BZN. Foto: pr

Erhard Eppler, heute 85 Jahre alt, folgte der Einladung des BZN, um mit den Schülern der Oberstufe über seine langjährigen Erfahrungen als SPD-Politiker, Minister unter drei Kanzlern, Kirchentagspräsident und Friedensaktivist zu sprechen. "Wenn man so alt ist wie ich, muss man nicht weise werden", betonte Erhard Eppler, "aber man kann sehr viel vergleichen." So verglich er, was sich seit den Anfängen seiner Karriere bis heute in den Bereichen Wirtschaft und Politik verändert hat und gab Ausblicke und Ratschläge für die Zukunft. Dabei antwortete der ehemalige Lehrer für Englisch und Geschichte auf die Fragen der Schüler mit großer Weitsicht und Klarheit.

Eppler ist der Ansicht, dass es aufgrund der Vielfalt an Medien noch nie einfacher war, sich zu informieren als heute. Jedoch sei es auch noch nie schwieriger gewesen, sich im "Dschungel von Informationen" zu orientieren und sich eine fundierte Meinung zu bilden. Dabei kritisierte Eppler beispielsweise Talkshows, denn seiner Meinung nach erlaubt es das Fernsehen nicht, dass man ein Thema gründlich durcharbeitet. Ebenso sieht er das Internet als Informationsquelle kritisch, da es keinerlei Rangordnung bietet, was die Qualität der Information anbetrifft. Deshalb legte er den Schülern nahe, Zeitungen zu lesen.

Eine weitere Veränderung zu früher sei, dass es heute in der Politik weniger profilierte Figuren gebe, an denen man sich orientieren kann. Dabei nannte er zum Beispiel Altkanzler Willy Brandt, der eine klare Linie fuhr und polarisierte, während die Politiker von heute oft keine Orientierungspunkte sind oder sein wollen.

Auch sein 2011 erschienenes Buch "Eine solidarische Leistungsgesellschaft" sei "der bescheidene Versuch einer Orientierungshilfe". Darin behandelt er unter anderem die Fragen, wo man heute steht und welche Wege noch offen sind.

Eppler ist davon überzeugt, dass es nicht länger möglich ist, das Wirtschaftswachstum durch Verschuldung anzukurbeln. Daher müsse man sich mit abflachenden Wachstumsraten zufriedengeben: "Es ist nicht entscheidend, wie viel wächst, sondern was wächst!" Das Bruttoinlandsprodukt ist für Eppler nämlich keinen Indikator für die Lebensqualität in einem Land. Vielmehr sei die öffentliche Diskussion gefragt, die sich in parlamentarischen Mehrheiten widerspiegelt, wenn es darum geht, welche Felder wachsen und welche schrumpfen sollen.

Seiner Meinung nach müssen die Anstrengungen in Richtung erneuerbare Energien, Humandienstleistungen und Bildung gehen.

"Wer zu früh kommt, den bestrafen die Parteifreunde!" - diese Erfahrung musste der Vor- und Querdenker Eppler mehrmals machen, denn er hat "zu früh die richtigen Fragen gestellt", wie der stellvertretende Schulleiter Siegward Lingenheil dieses Zitat Epplers interpretiert. Es war Eppler, der das Thema Ökologie in seiner Partei los trat. Genauso warnte er schon nach der ersten Ölpreiskrise 1973 vor dem Prinzip "Wachstum durch Verschuldung", doch damals fanden seine Ideen wenig Anklang.

Heute, 2012, sind beide Themen brandaktuell und für Eppler steht fest: Man kann nicht so weitermachen wie bisher. Daraufhin fragte ein Schüler, wie seine konkreten Verbesserungsvorschläge aussähen. Der ehemalige Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit sieht in einem gemeinsamen europäischen Konsens eine Lösung, denn die Nationalstaaten als solche seien erpressbar geworden. Deshalb müssten den Finanzmärkten gemeinsam in einen Rahmen gesteckt werden, dass der Primat der Politik wiederhergestellt wird.

Außerdem vermisst Eppler eine europäische Öffentlichkeit und er bedauert, dass sich die Europäer nicht mehr ins Gedächtnis rufen, dass sie dieselben kulturellen Wurzeln haben. Daher ist sein Rat ja fast schon seine Bitte an die Schüler: "Reisen Sie so viel wie möglich! Schaffen Sie Verbindungen zu den Europäern!"

Diese Ratschläge nahmen die diesjährigen Abiturienten gerne an und waren von der Art und Weise, wie Eppler sprach, sehr beeindruckt. Dass er außerdem mit dem Zug angereist war und gemeinsam mit einigen Schülern und Lehrern Mittag aß, machte ihn noch sympathischer.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Ein erster Schritt zur Marke

Die Achalmstadt will in einen Markenbildungsprozess einsteigen. Für 90 000 Euro wird sie dabei von einem Hamburger Unternehmen begleitet. weiter lesen