Planerisch aus einem Guss

Mitte der 50er Jahre stieß die Industrie in Reutlingen an ihre Grenzen. Mit dem Laisen entstand ein neues Gewerbegebiet. Später kamen Mark West und Mahden hinzu. Die Wirtschaft strukturierte sich um.

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    Zu Beginn der 60er Jahre wurde in Abschnitten das Industriegebiet Laisen erschlossen. Fotos: Jürgen Herdin
  • Mit 170 Hektar Fläche ist das interkommunale Gewerbegebiet West (Kusterdingen) das größte der Stadt. 2/3
    Mit 170 Hektar Fläche ist das interkommunale Gewerbegebiet West (Kusterdingen) das größte der Stadt.
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Es ist das Verdienst des ehemaligen Wirtschaftsförderers der Stadt, Wolfgang Geisel, sich des Themas "Wirtschaftliche Entwicklung in Reutlingen seit 1945" angenommen und eine Studie angefertigt zu haben, die als Basis für die Abhandlungen darstellt, die wir in loser Folge vorstellen wollen.

Für den Zeitraum von der Jahrhundertwende bis in die 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts boten die vorhandenen Gewerbestandorte rechts und links der Echaz, der Oststadt, der Tübinger Vorstadt, der Schiefer-/Bantlinstraße sowie der Stadtbezirk Betzingen ausreichend Spielraum für die Fortentwicklung von Industrie und Gewerbe. Aber mit dem Abschluss der Wiederaufbauphase der Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg stieß sie Mitte der 50er Jahre an ihre Grenzen.

Aufgrund dieser Konstellation entstand zu Beginn der 60er Jahre zwischen der Kernstadt Reutlingen und dem Stadtbezirk Sondelfingen das Industriegebiet Laisen, das mit einer Gesamtfläche von rund 100 Hektar in mehreren Abschnitten bis Anfang der 80er Jahre erschlossen wurde. Erstmals entstand hier in der Reutlinger Wirtschaftsgeschichte planerisch aus einem Guss ein großflächiges zusammenhängendes Industriegebiet, das ausschließlich dem Gewerbe dient und nicht mit Wohnnutzung vermengt wurde.

Ausgelöst durch das allgemeine Wirtschaftswachstum lief das Industriegebiet Laisen zügig voll. Neue Gewerbeflächen waren gefragt. Vor allem auch deshalb, weil der Erosionsprozess der Textilindustrie - sie war das erste Globalisierungsopfer der Nachkriegszeit - durch neue Wirtschaftsstrukturen kompensiert werden musste. Welchen enormen Umstrukturierungsdruck die Reutlinger Wirtschaft in den zurückliegenden Jahrzehnten ausgesetzt war, veranschaulichen folgende Zahlen: Bei 27 600 Gesamtbeschäftigten in Reutlingen waren in der Textilindustrie 1950 rund 10 000 Mitarbeiter beschäftigt, 2006 waren es gerade noch etwa 500 Beschäftigte bei einer Gesamtbeschäftigtenzahl von 47 600. Gegen diesen Aderlass an Arbeitsplätzen, der mit Macht in den 60er Jahren einsetzte, galt es, energisch gegenzusteuern.

Aus Mangel an großdimensionierten geeigneten Flächen auf der eigenen Gemarkung für die dringend erforderliche Neustrukturierung der Reutlinger Wirtschaft, wurden mit Kusterdingen 1976 und Kirchentellinsfurt 1978 interkommunale Industriegebiete mit 170 Hektar beziehungsweise 20 Hektar vereinbart. Zahlreiche innerstädtische Firmen haben sich wegen beengter Grundstücksverhältnisse, Immissionsproblemen und ungünstiger Verkehrserschließung dorthin verlagert.

Schwerpunktmäßig siedelten sich in den interkommunalen Gewerbegebieten neue Hightech-Schmieden, Groß- und Kleinbetriebe, Produktion und Dienstleistungen mit weit überregionaler Ausstrahlung an. Nahezu 50 Prozent der insgesamt über 7000 Arbeitsplätze in den interkommunalen Industriegebieten belegen Einpendler. Dabei spielt das Reutlinger-Kusterdinger Gebiet mit 170 Hektar die zentrale Rolle. Ohne diese beiden interkommunalen Gewerbegebiete wäre die Umstrukturierung der Reutlinger Wirtschaft nicht zu schaffen gewesen.


Verfasser der Studie

Diplom-Volkswirt Wolfgang Geisel, 1941 in Berlin geboren, war 35 Jahre lang in den Diensten der Stadtverwaltung Reutlingen, ab 1986 als Leiter des Amts für Wirtschaft. Der Mit-Initiator des gemeinsamen Gewerbegebiets West mit Kusterdingen und Kirchentellinsfurt hat sich in Unternehmerkreisen höchstes Ansehen erworben: "Wenn woanders nichts geht, in Reutlingen gibts den Wolle Geisel", besagt ein geflügeltes Wort über den im Jahr 2004 in den Ruhestand verabschiedeten Wirtschaftsförderer.

Ausgelaufene Flächen

Durch die Stillegung der Bruderhaus Papiermaschinenfabrik an der Echaz ging mit 27 200 Quadratmetern eine der größten Produktionseinzelflächen verloren. Heute nimmt die Stadthalle mit Bürgerpark und ein künftiges Hotel diesen Platz ein.

In der Oststadt war die Auslagerung der Seidenweberei ein einschneidender Schritt in der Kaiserstraße. Hier ist eine hübsche Wohnbebauung hochgezogen worden. Die 1971 stillgelegte Firma Finckh Siebtechnik beherbergt nun das Finanzamt. Teile des Mauerwerks sind noch an der Kantine zu erkennen. Auch die bekannte Textil-Firma Büsing gegenüber der Kaiserpassage ist verschwunden, ein Gartenviertel mit Wohnungen und etlichen Dienstleistern hat das Industrie-Areal abgelöst.

Gleich um die Ecke in der Bismarckstraße musste Gminder Textil nach Kriegsende aufgeben - das gab Platz für das Berufsschulzentrum und eine GWG-Bebauung. Weiter südlich verschwanden mit den Firmen Heinzelmann und Lamparter zwei Traditionsfirmen. Ersterer ist nun zweiter Tonne-Standort, an letzterem wurde das Isolde-Kurz-Gymnasium errichtet. Nicht mehr existent sind ferner in Richtung Betzenried Strickwaren Seiz, Bild Beutel Textil und die Gießerei Ammer.

 

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