Personalie · Thomas Reumann ist 60: Politiker, Präsident und Pferdewirt

Er hat es nicht leicht derzeit, der Thomas Reumann. Obwohl er nach eigener Einschätzung seit gut zehn Jahren den besten Job überhaupt hat. Doch lang vorbei sind die unbeschwerten Tage, die als wichtigsten Termin für den Reutlinger Landrat die Eröffnung des St.

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Eigentlich wollte er sich nicht groß feiern lassen, doch am Ende kam Landrat Thomas Reumann um einen internen Ständerling zu seinem heutigen 60. nicht herum.  Foto: 

Er hat es nicht leicht derzeit, der Thomas Reumann. Obwohl er nach eigener Einschätzung seit gut zehn Jahren den besten Job überhaupt hat. Doch lang vorbei sind die unbeschwerten Tage, die als wichtigsten Termin für den Reutlinger Landrat die Eröffnung des St. Johanner Kartoffelfests samt anschließendem Wettschälen mit den Landfrauen vorsahen. Weit zurück liegen auch so Highlights wie das obrigkeitliche Kirschkernweitspucken im Ermstal oder die Floßfahrt auf der Alb.

Gerade noch, dass es hier mal eine Museumseinweihung in Zwiefalten, ein kleines Vereins-Jubiläum oder einen Nachhaltigkeitstag zu feiern gibt. Da war der Ehrenritterschlag zum "Thomas von Achalm" durch Achalmritter Frank Christoph Schnitzler am Rosenmontag zum Ende des Wappenkrieges schon beinahe spektakulär.

Ansonsten ist es nicht mehr weit her mit den einst von Reumann viel beschworenen Gestaltungsmöglichkeiten. Längst dominiert die Verwaltung des Mangels auch die Kreisführung.

An die hatte sich der Eninger, heute auf den Tag genau vor 60 Jahren in Stuttgart geboren, zielstrebig vorgearbeitet. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er bekannt, als er 1993 beim Regierungspräsidium Leiter der Bezirksstelle für Asyl in Reutlingen wurde - ein Thema, das ihn auch jetzt wieder stark in Beschlag nimmt. Der Stelle beim Landkreis als Erster Landesbeamter und Nachfolger von Horst Eiberger unter Landrat Dr. Edgar Wais von 1997 an folgte 2000 der Wechsel auf die Stelle des Ersten Bürgermeisters und Finanz- und Wirtschaftsdezernenten in der Nachfolger von Rainer Hahn in Reutlingen, anfangs noch unter OB Dr. Stefan Schultes, dann unter der jetzigen Oberbürgermeisterin Barbara Bosch, die den Amtsinhaber nach nur einer Wahlperiode vom Sessel fegte. Dass sie es war, die die bereits früher zwar angedachten, aber letztlich doch verworfenen Auskreisungspläne Reutlingens jetzt entscheidend vorantrieb, trifft Reumann tief.

Als 2005 sein früherer Chef, Landrat Wais, das Pensionsalter erreichte, bewarb sich Reumann um dessen Nachfolge - und wurde vom Kreistag im ersten Wahlgang unter drei Kandidaten direkt ins Amt gewählt. Am 1. April trat er den Dienst an. Seither leitet der Verwaltungsjurist nicht nur die Kreisverwaltung und steht der unteren Verwaltungsbehörde vor, sondern er ist auch Vorsitzender des von den Bürgern gewählten Kreistags und vertritt und repräsentiert den Kreis nach außen.

Letzteres öffnete dem umgänglichen Verwaltungsmann vollends die Türen der Reichen und Einflussreichen. Und bescherten ihm nicht nur Begegnungen auf höchsten Ebenen mit gewählten Politikern und Spitzenfunktionären, sondern auch mit Potentaten von Gottes Gnaden. Die Freigiebigkeit des Herrschers von Sharjah, drittgrößtes Emirat der VAR, Scheich Dr. Sultan Bin Mohammed Al Qasimi, beim Treffen im Landgestüt Marbach 2006 brachte den Wahlbeamten nicht nur rechtlich und diplomatisch in die Bredouille, sondern bescherte ihm auch eine unvergessliche Nachhaltigkeit. Der Scheich hatte die damals 13-jährige Landratstochter Lou-Ann kennengelernt und der begeisterten Reiterin und stolzen Besitzerin eines Islandponys kurzerhand eine Araberstute aus seiner Zucht geschenkt.

Die Ablehnung einer solchen Gabe wäre nach orientalischem Verständnis einer Beleidigung gleichgekommen, die persönliche Annahme hingegen war beamtenrechtlich undenkbar. Zusammen mit Staatskanzlei und Regierungspräsidium fand man einen Ausweg aus der Zwickmühle: Die Zuchtstute Futhna, die der Scheich noch decken ließ und die Reumann beim Gegenbesuch übergeben wurde, kam im Gestüt Marbach unter der Patenschaft von Lou-Ann Reumann unter und brachte dort ihr Fohlen Sharja zur Welt. 2008 kaufte Familie Reumann ganz privat vom Land "zum marktüblichen Preis" die Vollblüter und stellte Mutter- und Tochter-Pferd im Stall im Tal unter. Seitdem steht Vater Reumann morgens um sechs Uhr im Stall und widmet sich Mist und Ernährung der Araber. Und erfährt dabei vermutlich mehr Anerkennung und Dankbarkeit als später am Tag bei seiner eigentlich Tätigkeit.

Die drängt ihn zunehmend in die Rolle des Bittstellers. Als Letzter in der Zuweisungskette steht er aktuell mit der Menge der Flüchtlinge da, die dringend einer Unterkunft bedürfen. Hier kämpfen er und sein Team verzweifelt um jede Immobilie. Auch beim Vorzeigeprojekt Regional-Stadtbahn ist Reumann als federführender Landrat nur bereit, so viel Kreis-Geld wie für die Planfeststellung nötig auszugeben. Ohne definitiven Finanz-Rückhalt von Bund und Land sieht er deshalb das Bähnle noch lange nicht fahren.

Das Schicksal der Kreiskliniken treibt Reumann von Beginn an um. Hier allerdings reagiert er nicht länger nur, versucht den Defizitausgleich und die Konsolidierung mit dem Zukunftskonzept 2018+ zu erreichen, sondern nahm mittlerweile das Heft des Handelns selbst in die Hand. Als Aufsichtsratsvorsitzender der Kliniken kraft Amtes übernahm er zunächst die Führung der Baden-Württembergischen und seit diesem Jahr das Präsidentenamt der Deutschen Krankenhausgesellschaft mit Sitz in Berlin. Damit ist er als Interessenvertreter direkt in die politische Willensbildung auf höchster Ebene eingebunden und schon mal Gast in TV-Talkrunden.

Weil ihn der Spagat zwischen Brotjob und Ehrenamt inzwischen genug umtreibt, hat Reumann nun weitere Posten wie den Aufsichtsratsvorsitz beim Verkehrsverbund Naldo und den Vorsitz im Schwäbischen Alb-Tourismus-Verband an andere abgegeben.

Aufgegeben hat er auch den Plan, allein mit Ehefrau Elvira ruhig irgendwo sein anderthalbfaches Schwabenalter zu feiern. Der allgemeinen Nachfrage willen gibt es heute nun doch einen internen Ständerling im Amt. Und von uns ein gehauchtes "Happy birthday, Mr. President!" obendrein. Willkommen im Club!

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