Pärchen im Dauerknatsch

Hass-Sex in Zeiten des Krieges: Regisseurin Fanny Brunner macht aus "Delirium zu zweit" eine durchsexualisierte Ekelorgie und ein Delirium zu dritt. Für alle Fans krasser Bilder und verschlüsselter Botschaften.

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Agnes Decker und Johannes Karl spielen ein schamloses, durchgeknalltes Paar in Ionescos "Delirium zu zweit".  Foto: 

Stell' dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin, weil: Beziehungsstress. So auch in Eugène Ionescos absurder Beziehungskiste "Delirium zu zweit. . .auf unbestimmte Zeit", in der sich ein durchgeknalltes Pärchen dem Dauerknatsch hingibt, während draußen die Bomben fliegen, die auch das traute Heim nach und nach in Schutt und Asche legen.

Relativ unbeeindruckt davon streiten sich die zwei über mehr oder weniger banale Dinge und werfen sich gegenseitig ihr versautes Leben vor. Recht drastisch geht es auch in der Zimmertheater-Version von Fanny Brunner (Regie) und Daniel Angermayr (Ausstattung) zu, die die beiden besserwisserischen Streitgockel in eine mit vielen Graffiti-Sprüchen ausgemalte Ehe- und Sex-Hölle stecken, eine Messibude in Müllsack- und Leergut-Ästhetik.

Agnes Decker und Johannes Karl kommt die Aufgabe zu, die zwei sexfokussierten Assis zu spielen. Dafür haben sie sich nackt angezogen und ausgestellte Geschlechtsteile aufgeklebt. Als abgestandene Pärchenschaft haben sie außerdem jegliche Scham voreinander verloren, Agnes Deckers Weibsbild pinkelt in den Nachttopf, presst die benutzten Kondome aus, treibt es mit ihrem Spiegelbild und hat auch sonst einen Hang zum Exzentrischen, Hysterischen und Sentimentalen, während sich ihr leicht verstrahlter Mann neurotisch auf dem Teppich die Füße abstreift, am Kühlschrank vergeht und eklige Würstchen köcheln lässt.

Was wiederum das trashpornografische Gesamterlebnis um den Geruchsfaktor Essen bereichert: Ein Festival für die Sinne, das nach und nach in Richtung "verbrannt" tendiert. Wie auch immer, hier sind zwei degenerierte, symbiotisch miteinander verklebte Wesen am Werkeln, komplett auf sich selbst bezogen wie voneinander angewidert. "Um nicht alleine sterben zu müssen, lassen sich manche eben von anderen umbringen", auch wenn sich das ein ganzes ödes Eheleben lang hinziehen kann.

Obwohl, oder vielleicht gerade weil draußen der Krieg tobt, ("nichts Besonderes", "drei Tote", auf "einen mehr oder weniger" kommt's nicht an), machen die zwei auf totalen Rückzug. Allerdings herrscht drinnen auch Krieg. Beide schwärmen davon, wunderwas alles aus ihnen hätte werden können, ohne den anderen. Immerhin: Ganz tot scheint die Sache noch nicht zu sein, schließlich streiten sie noch und sexen sich an. Trotz des "aussichtslosen Lebens" ohne jede Fluchtmöglichkeit herrscht in dieser abgefuckten Beziehung nämlich immer noch jede Menge Lärm.

Die Regie lässt es zudem auch auf der erotischen Seite ordentlich krachen. Und so liefern sich die beiden jede Menge selbst-, aber auch gegenbezogenen Hass-Sex, vor allem, als sich auch noch der mysteriöse Dritte ins Geschehen einschaltet: "Das Außen" in Form von Frieder Anders, der als vermummter, schwarzberockter Krieger (ob heilig oder unheilig, da will sich die vieldeutige Inszenierung nicht festlegen), den explosiven Soundtrack am Mikro gestaltet, indem er Bomben, Granatsplitter und Gebäudeteile akustisch durch die Luft fliegen lässt und sonst beeindruckend stumpf aus der Wäsche glotzt.

Wenn die zwei abgesifften Egoshooter die Außenpolitik ignorieren, dann muss das Draußen eben reinkommen: Als sich die zwei Kaputtniks auf ihrer schmuddeligen Ex-Matratze wälzen, macht das den Krieger so an, dass auch er sich die Klamotten vom Leib reißt und sich dazuwälzt, nicht ohne auch noch die Baby-Puppe zu integrieren.

Die Ekelorgie wird untermalt von krachigem Trash-Pop. Eine hübsche Metapher: Wenn sich der Krieg ins allgemeine Sexleben einmischt, ist das dann Kriegssex oder Sexkrieg? Am Ende wird die Frau immer dicker und behäbiger und kann einen Zugewinn an Brüsten verzeichnen, bis sie schließlich mit drei Gesichtern, vier Brüsten und Federboa diverse Fantasiedrecksbollen anschleppt, die er sich in Hündchenstellung um den Hals hängt. Was will man uns damit sagen?

Optisch ist bei dieser Sause auf jeden Fall einiges geboten, auch wenn bei den vielen widersprüchlichen Denk- und Sinnangeboten irgendwann der Verstand versagt. Aber im Krieg und in der Liebe ist schließlich alles erlaubt. Schön auch die locker eingestreuten Weisheiten: "Hätt' ich Techniker gelernt, wär' ich jetzt Techniker", oder: "Schönheiten sind immer schön, von wenigen Ausnahmen abgesehen", bis hin zu der Frage, die wir uns wohl alle täglich stellen: Gibt es noch eine andere Existenz? Aber lieber nicht ausprobieren, es könnte ja das Eingemachte durcheinander bringen.

Vorstellungen

Zimmertheater Es gibt noch vier weitere Vorstellungen von Eugène Ionescos "Delirium zu zweit. . .auf unbestimmte Zeit" - und zwar heute, Donnerstag, 12. Februar, sowie am Mittwoch, 25. Februar, Freitag, 6., und Mittwoch, 18. März, jeweils um 20 Uhr im Zimmertheater.

Karten können unter Telefon: (07071) 9 27 30 sowie online unter www.zimmertheater.de oder www.reservix.de vorbestellt werden.

SWP

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