Olles Moped, große Träume

"Formschön und gut": Die Tonne zeigt jetzt eine Geschichts-Bastelstunde mit Jan Mixsa und seinen sieben apokalyptischen "East Riders". Die rattern auf ihrem Klappermoped durch die deutsch-deutsche Historie.

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Jan Mixsa stellt in seiner Performance "East Riders" eine ganze Reihe markanter und skurriler Ossi-Typen auf die Bühne.  Foto: 

Die einen hatten Bananen, die andern nicht. Bei den einen hieß es: "Geh doch nach drüben!" Bei den andern: "Geh doch in Intershop!" Das eine hieß "Demokratie", das andere "Sozialismus". In der Tonne werden wir nun aufgeklärt: "Beides war gelogen, aber nur eines blieb: die süßere Lüge." Im Sozialismus galt: Wer mitmacht, ist gut. Wer nicht mitmacht, ist böse. Im Westen gilt noch heute: "Jeder ist seines Glückes Schmied" - "ein Motto, das böser nicht sein kann", findet am Ende von "East Riders" eine ominöse Göttlichkeit im ewigen Ledermantel, die auf ihrem Mofa durchs Universum braust und den "vierzsch Jahren DDR" am Himmelszelt ein Denkmal setzt.

Per Sternzeichen: Neben der Kassiopeia, dem Himmels-W für den "Westen", wird sich irgendwann ein sternschnuppiges O formieren. Da sind sich die himmlischen Wesen einig. Das hat sich Ostdeutschland einfach verdient. Ging es doch da mindestens genauso bizarr zu wie im Westen. Vorerst aber haben die (Ost-)Deutschen noch so mache Traumata ihrer jüngsten Geschichte zu bewältigen. Der Autor, Schauspieler, Regisseur, Puppenspieler und Bilderstürmer Jan Mixsa hilft ihnen dabei. Er stellt unter der Regie von Enrico Urbanek in seinem solistischen Figuren-Reigen "East Riders" markante Ossi-Typen auf die Bühne: pralle, enttäuschte Lebenskünstler, metallene Volks-Poeten und jammrige Kratzbürsten, schmierige Opportunisten, böse Kasper und arme Looser.

Alle wurden sie mehr oder weniger vom jeweils herrschenden System geprägt, haben davon profitiert oder drunter gelitten. Jan Mixsa findet sich in den verschiedenen Rollen, Sprachen, Verkleidungen und Stimmungen genauso rissig wie geschmeidig zurecht wie andere Leute in ständig wechselnden Systemen. Und bleibt doch immer derselbe! Mit abgetakelten Kostümen, klapprigen Kulissen und abenteuerlich zusammengebastelten Accessoires ist bei diesem Solo auch optisch immer was los. Und in den Umbaupausen trällert die Sandmann-Musik das hüben wie drüben so ahnungslose wie unschuldige Volk in die politische Widerstandslosigkeit.

Jan Mixsas "East Riders" sind alles andere als Easy Riders, sondern fühlen sich vom Schicksal betrogen. Und wollen jetzt auch mal betrügen - eher schlecht als recht.

Da ist zum Beispiel "Jens Thorsten Maier" im Handwerkerkittel: ein Materialist und Bastler, direkt aus dem sächsischen Volk. In der Mangelwirtschaft ist er es gewohnt, zu improvisieren. Wenn gerade kein Rasenmäher zur Hand ist, muss man eben Bohrmaschine und Küchenmesser kreativ "zusammenflanschen". Jens hat ein rostiges Motorrad und große Träume. Vor allem mit den 100 Mark Begrüßungsgeld hat er viel vor.

Da heißt es: scharf nachdenken, damit die nicht genau so schnell weg sind wie "die Frau" bei der Grenzöffnung. So kauft er im Westen einen geilen "Schopperlenker" und verschenkt den alten. Und wird sofort von Polizisten angehalten ("fast wie die Ostbullen, bloß in freundlich"). Der Lenker, nicht TÜV-geprüft, wird konfisziert ("zu Ihrem eigenen Schutz"), eine saftige Strafe ist fällig. Und schon sind alle großen Träume zerplatzt. "Vierzsch Jahre hatt'n wer nix", jetzt immerhin Bananen.

Jan Mixsa liefert als Jens feinstes Rollen-Kabarett, wechselt dann in die einfach nur traurige Abteilung des Lebens, mit seiner schicksalsgekrümmten Markt-Oma, die sich vor lauter Bitterkeit auf die Seite der Neonazis schlägt. Bei ihr fungiert das Moped als krummer Marktstand, wo sie ihre karge Rente mit dem Verkauf von Topflappen aufpäppelt - "formschön und gut". Sie ist ein Opfer von Krieg, Vertreibung und Realsozialismus, will aber auch einmal im Leben zurückschlagen - und mit ihrem Schnapsfläschchen-Sprengstoffgürtel "in den ehrenwerten Bundestag" einrauschen.

In der nächsten Nummer lässt der Puppenspieler Mixsa eine ostdeutsche R2-D2-Version aus Eimer und Schüsseln auf dem Moped rappen: "Wer ist das Volk/ was will das Volk/ wollte das das Volk oder sollte das das Volk?" Das Volk wurde ja bei alldem wieder mal nicht befragt, auch nicht zu den ganzen Schweinereien und zynischen Kriminalitäten, die beim Wandel von SED-Diktatur zur Geld-Diktatur vonstatten gingen. Vom Ausverkauf der DDR, und davon, wie die (Stasi-)Funktionäre auch in der BRD die fetten Posten abgriffen, erzählt Mixsa als schwer angeheiterter, selbstgefälliger Ex-Stasi-Recke im dekadent-rosa Bademantel: "Ihr zahlt die Steuern, und wir ham den Spaß!" Da lacht man sogar im Himmel.

Weitere Aufführungen - Tickets

"East Riders" (Uraufführung) Regie: Enrico Urbanek. Ausstattung und Schauspiel: Jan Mixsa - weitere Termine: 4., 11., 18., 28. Dezember, 2., 13. Februar, 4. März, jeweils 20 Spitalhofkeller. Außerdem am 6. Dezember, 19 Uhr, und 27. Dezember, 18 Uhr.

Karten gibt es unter Telefon: (0 71 21) 93 77 0 oder online auf der Website des Tonne-Theaters www.theater-reutlingen.de.

SWP

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