Noch immer ein Tabu

"Den Leuten tut es gut, darüber zu sprechen", sagt Enrico Urbanek. Vom Sterben, vom Tod handelt das neue Tonne-Stück in Kooperation mit dem ambulanten Hospizdienst. Titel: "Weiterleben". Am Samstag ist Premiere.

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Vorausgegangen sind Recherchen, Straßeninterviews und – Gespräche. „Wir sind zu den Leuten gegangen, deren Geschichten wir an diesem Abend erzählen werden“, berichtet Tonne-Intendant Enrico Urbanek.

Mit Unterstützung des ambulanten Hospizdiensts hat das Tonne-Team Menschen besucht, die Angehörige verloren haben oder selbst von einer lebensbedrohlichen Krankheit betroffen sind. Das Ziel war, einen Theaterabend „über Leben und Sterben in Reutlingen“ zu konzipieren, betont Urbanek – und eben keinen „ratzfatz“ zusammengestellten weltliterarischen Rundumschlag, womöglich mit allerlei klugen, allgemeingültigen Zitaten zur Endlichkeit der Existenz.

Die Bandbreite der weiteren Interviews zum Thema war ziemlich weit gesteckt: „Vom Steinmetz bis zum Standesamt“. Auch Passanten in der Fußgängerzone wurden befragt, Kinder und Jugendliche, das Tonne-Team sprach auch mit Erstklässlern in einer Schule.

Sicher, das Sterben, der Tod – es sind auch weiterhin Tabuthemen. Gerade deshalb: „Den Leuten tut es gut, darüber zu reden“, so Urbanek. Im Gespräch mit den Betroffenen war es oft eher so, „dass wir da zunächst einen Kloß im Hals hatten“. Überraschend sei dann immer wieder die Offenheit gewesen, mit der die Befragten bereit waren, über das meistens verdrängte Thema zu sprechen. „Über das Thema Sterben“, sagt der Intendant, „lernt man die Lebenden kennen.“

Der Theaterabend wird mehrere Apsekte ineinander verschränken: Die von den Darstellern aus den Gesprächen herausgefilterten Geschichten der Befragten sind das eine, hinzu kommen – per Videoeinspielung – dokumentierte Straßeninterviews. Und schließlich „bringen die Darsteller auch ihren privaten Rucksack mit ein“, entwickeln gemeinsam improvisierend eine Probensituation.

So gesehen, wird es kein Abend „mit gelernten Texten“ sein, eher eine „Versuchsanordnung“, wie Urbanek erläutert. Dem Inspizienten, der die Zuspieler einblenden soll, kommt auf diese Weise „die Rolle eines DJs zu“. Und so wird „jeder Abend ein bisschen anders ausfallen“. Trotz des Themas: Ein „wahnsinnig depressiver Abend“, so Urbanek, sei nicht zu erwarten. Nein, die Zuschauer werden auch mitunter lachen können, ergänzt Silvia Ulbrich-Bierig vom Hospizdienst. Die Geschichten, erzählt sie, nehmen einen mit ins Leben der befragten Menschen. „In der Auseinandersetzung mit Gott und der Welt“ entstehen auch „viele schöne Momente“.

Zeit nehmen – das war das Wichtigste bei den Gesprächen im Vorfeld. Denn die Menschen, die sich mit dem Sterben beschäftigen, „sind in einem Ausnahmezustand“, sagt Tonne-Chef Urbanek.

Und noch etwas: Die theatrale Beschäftigung mit dem Thema Sterben habe „keinerlei Interesse an Voyeurismus“ und an der Zurschaustellung von Grenzsituationen oder Zusammenbrüchen. Denn es geht allen darum, „mit den Menschen respektvoll umzugehen“.

Kann angesichts des näherrückenden Todes eine wie auch immer geartete Religion oder eine vergleichbare Weltanschauung weiterhelfen oder gerade nicht? Auch solche Fragen werden eine Rolle spielen. „Und denken Sie auch an all jene Menschen, die einsam sterben!“, auch das hat ihnen ein Befragter mit auf den Weg gegeben, berichtet Urbanek. Auf der Bühne agieren werden Yvonne Lachmann und Michael Schneider – auch in den eingespielten Filmen. Die Musik kommt von Michael Schneider, und Regie bei „Weiterleben“ führt Tonne-Intendant Enrico Urbanek.

Wie bebildert man ein Theaterplakat, wenn es ums Thema Sterben geht? Auch über diese Frage hat das Tonne-Team lange debattiert. Das Ergebnis (siehe Bild oben) ist eine Arbeit des spanischen Illustrators Jaime Olivares. Es sieht zunächst aus wie eine Art Sanduhr, ein Stundenglas, das bekannte Symbol für verrinnende Zeit und Vergänglichkeit. Doch bei näherem Hinsehen lässt sich auch eine Art Strudel, ein Wirbelsturm erkennen, derBilder und Erinnerungen nach oben schleudert. Gen Himmel vielleicht. Auf jeden Fall: Nach oben, ins Offene, ins Ungewisse.

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