Negativzins steht vor der Tür

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Gesamtwirtschaftlich weitgehend positiv“ bewertete Josef Schuler das zurückliegende Geschäftsjahr 2016. Von Euphorie geprägt zeigte sich der Vorstandsvorsitzende der Reutlinger Volksbank zusammen mit seinen Vorstandskollegen Siegfried Arnold und Erik Grahneis aber nicht, was auch an der folgenden Formulierung abzulesen war: „Wir blicken mehr oder weniger zufrieden auf dieses Geschäftsjahr.“

Eine weitere Formulierung von Schuler lautete „ganz ordentlich“ – weil die Volksbank die Einlagen der Kunden (+3 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro) wie auch die vergebenen Kredite (+4 Prozent auf 1,13 Milliarden Euro) steigern konnten. Ein Grund dafür sei die gute wirtschaftliche Konjunktur in Deutschland gewesen, die habe zu „hoher Nachfrage nach Investitionen in privaten Wohnraum“ geführt.

Wertpapier- und Depotgeschäfte wie auch Versicherungen seien hingegen nicht so gut gelaufen, betonte der Vorstandsvorsitzende. Insgesamt konnte das betreute Kundenvolumen aber von rund 2,8 Milliarden auf etwa 2,9 Milliarden gesteigert werden. Die Bilanzsumme landete bei rund 1,33 Milliarden im Vergleich zu 2015, als die Zahl bei 1,27 Milliarden lag. Das Ergebnis der „normalen Geschäftstätigkeit“ sank um rund 200 000 Euro auf 8,5 Millionen, der Jahresüberschuss blieb in etwa gleich und lag unterm Strich bei 1,9 Millionen Euro.

Dass dieses Ergebnis für 2016 noch einigermaßen im Rahmen – beziehungsweise wie erwähnt „ganz ordentlich“ ausfiel – ist mit Sicherheit nicht dem Zinsüberschuss der Bank zu verdanken: Der sank nämlich von 24,9 Millionen auf 24,5 Millionen Euro. Das war zum einen auf den stetig nicht vorhandenen Leitzins von Null Prozent zurückzuführen, gleichzeitig aber auch auf den folgenden Umstand: „Wir führen bereits Negativzinsen an die Bundesbank beziehungsweise unsere Zentralbank ab“, so Schuler. Und das wiederum bedeute, dass die Reutlinger Volksbank – genauso wie andere Geldhäuser – für das Ersparte der Kunden „drauflegen“, wie Josef Schuler beim Jahresbilanz-Pressegespräch erläuterte. „Für uns sind die Einlagen im Moment eher eine Last.“

Die Volksbank Reutlingen komme also kurz- oder mittelfristig gar nicht darum herum, die negativen Zinsen an die Kundschaft weiterzugeben. „Ab 1. April wird es ernst für Großanleger ab 500 000 Euro“, betonte der Vorstandsvorsitzende. Mit 80 bis 100 Kunden seien die Mitarbeiter der Volksbank bereits „im Gespräch“, so Schuler. Wirklich große Sorgen müssten sich die Großanleger aber nicht machen, „wir beraten unsere Kunden entsprechend, um Lösungen etwa in anderen Anlagenklassen zu finden“, sagte Erik Grahneis. Immobilien könnten eine solche Möglichkeit sein.

Problematisch für die Volksbank (wie auch für alle anderen Banken mit vielen Filialen) erweise sich die immer mehr zunehmende Nutzung von Online-Bankgeschäften: Als „besondere Herausforderung“ bezeichnete Josef Schuler das veränderte Nutzerverhalten, das immer weniger Kunden in die insgesamt 42 Filialen der Reutlinger Volksbank locke (20 davon sind „personalisiert“, 22 Selbstbedienungsschalter). Eine Umverteilung habe dazu geführt, dass acht Beratungszentren in den vorhandenen Filialen entstanden seien. „Wir haben Kompetenz mehr über die Fläche verteilt“, so Schuler. Dies seien „strukturell notwendige Veränderungen“, denen sich auch die Volksbank stellen müsse. Erstmalig wurde im Rahmen solcher Neuerungen ein Geldautomat zusammen mit der Reutlinger Kreissparkasse in Betrieb genommen. Ebenfalls neu werde 2017 im Gewerbegebiet Pliezhausen ein neues Beratungszentrum errichtet – die beiden Filialen in Walddorfhäslach und Pliezhausen sollen in einen „SB-Standort“ umgewandelt werden.

Fusionen seien im Moment kein Thema, sagte der Vorstandsvorsitzende. Allerdings gelte das nicht für alle Ewigkeit, Ende des Jahres werde sich die Reutlinger Volksbank sozusagen wieder auf Braut- oder auch auf Bräutigamschau begeben. Das geschehe vor allem in Richtung Norden, in den Medien berichtet wurde bereits über Gespräche mit der Volksbank Böblingen-Sindelfingen. Auch die prosperierende Region auf den Fildern könnte für die Reutlinger ein Thema sein, sagte Josef Schuler. „Nur Richtung Süden werden wir uns nicht orientieren“, schloss der Vorstandsvorsitzende rigoros aus.

Die jährliche Vertreterversammlung der Volksbank Reutlingen wird am 22. Mai in der Stadthalle abgehalten, die vorgeschlagene Verteilung der Dividendensumme von 600 000 Euro liege laut Josef Schuler bei 3 Prozent (Vorjahr 4 Prozent).

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