Ne schöne Jrooß!

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„Verdamp lang her“: Vor 40 Jahren ging’s los, und heute sind sie auf Jubiläumstour – Niedeckens Bap in der Stadthalle.  Foto: 

Wie üblich geht es bei den Kölsch-Rockern mit den Zugaben erst so richtig los: Wolfgang Niedeckens Bap traten jetzt am Dienstagabend mit neuen, vor allem aber alten Songs in der ausverkauften Stadthalle auf. Die Fans erlebten knapp drei unvergessliche Stunden – inklusive acht Zugaben.

Als er die Bühne fast pünktlich um 20 Uhr betritt und 1800 Menschen ihm zujubeln, hebt Wolfgang Niedecken für einen Moment die Faust in die Höhe. Aber der Augenblick der Pose ist nur kurz. Gleich schon winkt er seinem Publikum zu, als gelte es, gute alte Bekannte zu begrüßen. Und irgendwie ist dieser Auftakt symptomatisch: Ein Rockstar sieht anders aus.

Niedecken, der Kopf, die Stimme der Kölner Band Bap, gibt eher den melancholischen Rocker, der sich tierisch über das text- und dialektsichere Publikum freut und so ganz nebenbei unvergessliche Hits zum Besten gibt. Nein, ein aufmüpfiger Rockrebell will Wolfgang Niedecken mit 65 Jahren nicht mehr sein. Aber leise Töne darf man von ihm auch nach über 40 Jahren, in denen er mit Bap durch die Lande tourt, nicht erwarten.

Vor allem gegen Ende des Konzerts drehen die fünf Kölschrocker mächtig auf. Doch die Hits kommen nicht wie früher erdenschwer daher, sondern strahlen viel Gelassenheit aus und flattern zuweilen fast luftig und leichtfüßig durch den Saal.

Mit Titeln wie „Frau ich freu mich“ „Ne schöne Jrooß“  und „Anna“ begrüßen Niedecken und seine vier Begleiter das erwartungsfrohe Publikum, mit „Noh all dänne Johre“ beenden sie das Konzert im nicht enden wollenden Applaus.

Lebenslänglich

Dazwischen gibt es neben sechs Songs vom neuen Album „Lebenslänglich“ natürlich viele der alten Hits zu hören. Geradezu überschwänglich feiert das Publikum Niedecken und seine Bap-tisten – und vor allem sich selbst und seine Erinnerungen. Die in Oxford-Kölsch verfassten Texte werden zum Teil hundertfach mitgesungen – und das mitten im Schwabenland.

Als Tempomacher agiert meist Gitarrist Ulrich Rode, der seit 2014 als Nachfolger von Helmut Krumminga bei Bap spielt. Vertraute Stücke wie „Zaubre“, „Alexandra“ oder „Jupp“ klingen durch sein kraftvolles Zutun frisch, rockig und zuweilen sogar etwas pink-floyd-mäßig.

Auch der Protestsong „Kristallnaach“, der neben der wunderschönen Ballade „Jraaduss“ und der unvergesslichen Erinnerungs-Hymne „Verdamp lang her“ zu den Höhepunkten des Abends zählt, bekommt durch die Wucht der Instrumentierung ein ganz neues Gewicht.

Aber auch Bassist Werner Kopal, Keyboarder und Organist Michael Nass, Multiinstrumentalistin Anne de Wolff (Geige, Bratsche, Cello, Posaune, Gitarre, Mandoline, Perkussion) und Drummer Sönke Reich agieren wie in alten Zeiten und geben sich an ihren Instrumenten bärenstark.

Und der Bandleader, der vor fünf Jahren einen Schlaganfall erlitt und nach eigenen Worten ganz knapp am Tod vorbeischlitterte? Seine Stimme ist etwas tiefer und rauer geworden, klingt immer mehr wie die seines großen Idols Bob Dylan und trägt weiß Gott genug Lebensalter in sich, um die Geschichten, die sich so ansammeln in einem Leben, überzeugend rüberzubringen. Und das stimmliche Niveau steht den textlichen Bemühungen in nichts nach.

Gemeinsam verströmen Niedecken und seine vier Begleiter eine Magie, die einer allein nicht herbeizaubern könnte. Dabei bleibt eines wie ein roter Faden spürbar: das Gefühl, unterwegs und dabei gewesen zu sein. Es ist, als löse Wolfgang Niedeckens auf Kölsch gesungene Lieder das ewige Versprechen eines Roadmovies ein.

Südstadt-Dylan

Natürlich fliegen dem „Südstadt-Dylan“ die Herzen der Reutlinger Fans nur so entgegen. Oder ist die Begeisterung darauf zurückzuführen, dass Niedecken seine Songs melodiebewusster singt als früher? Jedenfalls überzeugen Bap fast drei Stunden lang, und spätestens, als vor dem langen Zugabenblock ihr größter Hit „Verdamp lang her“ erklingt, gibt es kein Halten mehr.

Alles in allem: Bap bleibt eben Bap – und genau deswegen lassen die Kölscher Kult-Rocker in Reutlingen ein hingerissenes und in der Vergangenheit schwelgendes Publikum zurück.

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