Nasse Socken bis zum List-Gymnasium

Die Freie Wählervereinigung Reutlingen überraschte am Freitagabend mit einem altbekannten, aber immer noch höchst unerfreulichen Thema: Prof. Olaf Eisen sprach nämlich über den Klimawandel.

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Während das Gesangstrio "Blue note" noch eine "Sentimental Journey" versprach und musikalisch eine "Wonderful world" beschrieb, sagte Hans Hubert Krämer zu Beginn des FWV-Neujahrsempfangs alles andere als sentimental: "Prof. Olaf Eisen wird uns berichten, ob diese Welt wirklich noch so wundervoll ist." Der Wissenschaftler, der sich als "Glaziologe" vor allem mit Gletschern und dem Klimawandel beschäftigt, doziert an der Universität Bremen, wohnt jedoch in Reutlingen. Und: Eisen war einer von 1500 Gutachtern, die an dem "5. Sachstandsbericht des Weltklimarats" aus dem Jahr 2013 mitgewirkt hat.

Aber: "Weshalb interessieren uns denn, hier im kommunalen Geflecht Reutlingens, derartige Fragestellungen", sagte Krämer als FWV-Vorsitzender am Freitagabend. Schon jetzt sei klar, dass Hochwasserereignisse und Stürme vor allem in den Wintermonaten zunehmen, betonte Eisen in seinem Vortrag. Für ein 100-jähriges Hochwasser wird laut Krämer gar prognostiziert, "dass wir bis zum Friedrich-List-Gymnasium mit nassen Socken zu rechnen haben".

Allerdings komme noch viel mehr dazu, wie Prof. Eisen ausführte: Die weltweiten Durchschnittstemperaturen nehmen zweifelsfrei zu - allein die Höhe könne noch beeinflusst werden. "Wenn wir jetzt radikal auf die Bremse treten würden, um die Treibhausgase zu minimieren, hätten wir noch 60 Jahre Zeit, um auf Null zu kommen." Und nur so wäre es möglich, eine Temperaturerhöhung von weniger als zwei Grad zu erreichen. Selbst dann sei aber das Abschmelzen der Polkappen "für die nächsten 500 Jahre nicht zu stoppen", so Eisen. Was wiederum zu einer Meeresspiegelerhöhung von drei bis fünf Meter führe.

Für Reutlingen habe das kaum Auswirkungen, aber: Immer mehr Hochwasserereignisse und Stürme wie auch Dürreperioden gebe es auch hier. Mögliche Reaktionen? Mehr Flutungsflächen seien notwendig, die Landwirtschaft müsse umgestellt werden, um auf die steigenden Temperaturen zu reagieren. Weltweit müsse allerdings auch viel getan werden, immerhin könne das mit immer noch überschaubaren Kosten erreicht werden. So müsse der Schwenk auf erneuerbare Energien, auf Energieeffizienz und vieles mehr geschafft werden. "Wenn wir nichts machen, kommt eine Temperaturerhöhung von mindestens vier Grad auf uns zu - und das ist sehr, sehr viel", so Olaf Eisen. Wie auch immer: Weltweit werde künftig Wassermangel in zahlreichen Regionen das Bild prägen, die Nahrungsmittelversorgung funktioniere nicht mehr, soziale Konflikte und immer weiter zunehmende Flüchtlingsströme stehen bevor.

Wenig Mut machende Ausichten? Nach diesem "nachdenklich machenden Vortrag", so Jürgen Fuchs, richtete er den Blick zurück auf die Politik vor Ort - und kritisierte dabei deutlich: "Der Haushaltsentwurf und die mittelfristige Finanzplanung bereiten uns große Sorgen", betonte der FWV-Fraktionsvorsitzende. Dem Entwurf für den Doppelhaushalt 2015/2016 "fehlt die Eigenfinanzierungskraft infolge hoher Steigerungsraten bei den Ausgaben, verbunden mit vielen neuen Personalstellen und relativ geringem Einnahmenzuwachs". Rund 60 Millionen Euro Neuverschuldung ergebe mit dem bisherigen Defizit unterm Strich einen Schuldenstand von 230 Millionen Euro.

Fuchs' Fazit: "Der Haushaltsentwurf der Verwaltung verträgt überhaupt keine Mehrausgaben, Reduzierung ist angesagt." Dabei dürften Steuererhöhungen kein Thema sein. Zum Abschluss des mit gewichtigen Themen gespickten FWV-Neujahrsempfangs sang das Trio "Blue Note" noch (ganz problembefreit) vom "Apple tree". Von den Zuhörern im prall gefüllten Spitalhofsaal wollte das (nach dem zuvor Gehörten) aber offensichtlich niemand als Anspielung auf die Vertreibung aus dem Paradies werten.

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