Nach dem Urwald Party-Seelsorger

Der Theologe-Professor Karl Rennstich hat einiges erlebt - zwischen Malaysia und Seeburg. Allerdings musste er zusammen mit seiner Frau Waltraud privat auch durch manches Tal gehen.

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Malaysia, Singapur, Heilbronn, Hamburg, Basel und Seeburg: Der weitgereiste Theologie-Professor Karl Rennstich feierte dieser Tage mit seiner Frau Waltraud goldene Hochzeit. Foto: Norbert Leister

Waltraud Rennstich war sich als junges Mädchen sicher: "Ich wollte nie einen Pfarrer heiraten." Als Tochter in einer eingefleischten Pfarrersfamilie aus Schwäbisch Hall hatte sie erlebt, dass Theologen fast nie Zeit für die Familie hatten. Als dann aber der junge Karl Rennstich sich mit ihrem Bruder anfreundete, gab sie diesen Vorsatz irgendwann auf.

Doch erst einmal schön der Reihe nach: Als Karl Wilhelm Rennstich kam der spätere Theologie-Professor im März 1937 in Stetten im Kreis Heilbronn auf die Welt. Dorthin verschlug es dann auch die Familie von der damals neunjährigen Waltraud.

Nach der Volksschule machte Karl Rennstich eine Lehre als Automechaniker, während die eineinhalb Jahre jüngere Waltraud aufs Gymnasium ging. "Das war damals für ein Mädchen völlig ungewöhnlich." Nach der Mechaniker-Ausbildung las Rennstich in der Zeitung eine Anzeige, dass Handwerker als Missionare gesucht würden. Er meldete sich bei der Basler Mission, musste aber erst das Abitur nachholen und die Pfarrersausbildung absolvieren.

In der Zwischenzeit war der Funke von Karl auf Waltraud übergesprungen, "ich hatte sie ja schon immer geliebt", sagt Rennstich heute. Die Liebe war dann so groß, dass er sein Examen ein Jahr früher ablegte als normal - "weil ich heiraten wollte", so Rennstich. Am 9. August 1962 traten sie vor den Traualtar, gingen gemeinsam dann sofort zur Vikarsstelle nach Boll bei Oberndorf im Schwarzwald.

Dort wurden in den kommenden zwei Jahren die ersten beiden Kinder geboren. "Da war mir ständig schlecht", erinnert sich Waltraud Rennstich. Von Boll ging das Paar ein halbes Jahr nach London, um Englisch zu lernen, die kleine Tochter blieb in dieser Zeit bei Waltraud Rennstichs Eltern. 1965 ging es dann auf die große Reise, per Schiff durch den Suez-Kanal über Indien, Indonesien, Singapur - kaum ein Flecken, an dem damals kein Krieg herrschte. Angekommen sind sie schließlich an ihrem Einsatzort auf Sabah in Malaysia. "Das war damals 80 Prozent Urwald", sagt Karl Rennstich. "Zuerst mussten wir die Sprache der Bewohner lernen." Was alles andere als einfach war, denn der Sprachlehrer konnte keine andere Sprache als seine eigene. "Unser Sohn lernte viel schneller und ich musste ihn immer wieder fragen: Was hat der jetzt gesagt", so der Missionar.

Kein fließendes Wasser, das nächste Telefon, Läden, Ärzte waren 50 Kilometer entfernt nur über eine Sandpiste zu erreichen. Auf was sich das Ehepaar da mit zwei kleinen Kindern eingelassen hatte, war ihnen im Vorfeld nicht so richtig bewusst. "Ach, als junger Mensch macht man so Sachen", sagt Waltraud Rennstich. 1968 war der älteste Sohn des Ehepaars bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen. Dennoch gings nach einem Heimaturlaub in Deutschland wieder zurück nach Sabah, aber in eine andere Ortschaft. Dort baute der Missionar eine Schule auf, in der Laienpfarrer und Landwirte ausgebildet wurden.

"1972 wurden wir dann ausgewiesen", sagt Karl Rennstich. Sein Wirken war dort in Asien aber nicht unbeachtet geblieben, er wurde als Lehrkraft für das Neue Testament und Griechisch ans Trinity College in Singapur berufen. "Das war ein völliges Kontrastprogramm", erinnert sich Waltraud Rennstich. Vom Urwald in die aufstrebende Millionenmetropole. "Aus dem Dschungel zum Party-Seelsorger." In Singapur waren nämlich schon zur Mitte der 70er Jahre zahlreiche deutsche Firmen vertreten, die mit ihren Mitarbeitern immer wieder Empfänge gaben. Das Ehepaar Rennstich war ein gern gesehener Gast, weil sich der dortige Jetset beim Pfarrer ausweinen konnte. "Ich war immer der Letzte, der nach Hause ging, kam aber vor lauter Gesprächen nicht mal zum Essen."

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