Mut zu Pinktupfern und Türkis

Am Rande des Kitschs rangierend sind die Werke, die Miriam Madaus-Kuhn anlässlich ihrer aktuellen Ausstellung "Zwischen Kitsch & Kunst" jetzt in der Stadtbücherei Pfullingen zeigt.

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Miriam Madaus-Kuhn zeigt ihre Werke in der Stadtbücherei.  Foto: 

Was hat Kunst mit Kitsch gemein und was versteht man eigentlich unter Kitsch in der Kunst? Sicher ist, dass Kitsch zumeist abwertend verstanden wird und dass es nur wenige Kunstschaffende gibt, die sich nicht von Kitsch abgrenzen wollen. Andererseits kann sich Kitsch am besten über die Kunst definieren, indem Schlüsselreize durch ironische Brechung verniedlicht, überhöht und verfremdet werden.

Miriam Madaus-Kuhn, die immer Künstlerin wie ihr Vater werden wollte, arbeitete zunächst in ihrem studierten Beruf als Textildesignerin. Doch nachdem ihr Arbeitgeber Insolvenz anmelden musste, gründete sie aus der Not heraus eine Ich-AG, die schließlich in eine Malschule überführt wurde. Mit Erwachsenen zunächst, später vor allem mit jüngeren Schülern. Madaus-Kuhn hatte ihre Berufung gefunden: "Jeder wird dort abgeholt, wo er steht", ist ihr Motto, das sei zwar anstrengend, aber so sehe sinnvolle Begleitung aus, pädagogisch wie künstlerisch, ist sie überzeugt. Dabei stehe der Spaß immer im Vordergrund, aber nicht im Sinne eines Bespaßens, "sondern eher durch die Freude, die aus dem Spaß an der Arbeit erwächst", so Klaus Tross bei seiner Einführung.

Sich um Kinder zu kümmern, auch und gerade um solche, die auf der Schattenseite des Lebens stehen, ist für die Mutter einer Tochter inzwischen mindestens genauso wichtig geworden wie die Kunst selbst. So begleitet sie das Asylprojekt "Kunst aus der Dose" in Bad Urach, das traumatisierte Jugendliche mit Pinsel, Leinwand und Spraydose vertraut macht. Gerade diese Begegnung mit jungen Leuten aus Kriegsgebieten habe ihr gegeben, was zuvor kein Unterricht an der Volkshochschule, keine Kunst-AG und kein Schulunterricht vermochte: Die Erkenntnis, dass sich Kümmern weit über Äußeres hinausgehen kann.

In ihrer Lebensgestaltung wie auch in ihrer Malerei ist der Spannungsbogen zwischen Ernsthaftigkeit und Ausprobieren, zwischen den Polen Kitsch und Kunst stets zu spüren. Da trifft ein lustiger, rosaroter Schweinskopf auf ein eigenwilliges Goethe-Porträt, eine großmäulig lachende Julia Roberts auf eine nachdenkliche Schimpansenmama Jane Goodall. Miriam Madaus-Kuhn lässt nichts unversucht, um Brüche in ihren Arbeiten zu schaffen, sei es durch die Verwendung von Gipshaftputz, Marmormehl, Rost- und Patinaeffekten oder Holzbeize.

Wenn man vor den zwischen 2010 und 2015 entstandenen Aquarellen steht, bekommt man das Gefühl, die bunten Farben würden einen anspringen, sich gegenseitig aufladen, beinahe zu leuchten beginnen. In Wahrheit geht es der studierten Textil-Designerin aber um etwas ganz anderes: Um die Verbindung von Kitsch und Kunst. Mal tauchen Umrisse weichgezeichneter Figuren in ihren Bildern auf, mal erinnert die bunte Acrylmischtechnik an gestisches Action-Painting der 60er Jahre. Klaus Tross bewundert in seiner Einführung vor allem "ihren Mut zu Pinktupfern und Türkis", zu Bildern, die manch Kunstexperten zu dem Urteil "grenzwertig" kommen lassen, ihn aber begeistern, "weil ich ihre Lust spüre, die Lust einer bunten Seele, die das Leben bejaht". Die 1968 in Tübingen geborene Miriam Madaus-Kuhn, die seit 2004 als freischaffende Künstlerin in Pfullingen arbeitet und gerade auf der Suche nach neuen Räumlichkeiten für ihr Malstudio ist, weiß die Symbolik von Farben und Materialien zu nutzen und die Gegensätze Kunst und Kitsch ganz individuell zu vereinen.

Info Die Ausstellung "Zwischen Kitsch & Kunst" ist bis 23. Januar zu den üblichen Öffnungszeiten in der Stadtbücherei Pfullingen zu sehen.

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