Mozart im Himmel

Auch Sinfonik hat ihren Platz im Kammermusik-Zyklus, etwa dann, wenn ein Klangkörper wie das Stuttgarter Kammerorchester anreist, diesmal mit der Sopranistin Christiane Oelze im großen Saal der Stadthalle.

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  • Das Stuttgarter Kammerorchester bestritt ein Programm mit Mozart-Arien und Richard Strauss' "Metamorphosen" in der Stadthalle. 1/2
    Das Stuttgarter Kammerorchester bestritt ein Programm mit Mozart-Arien und Richard Strauss' "Metamorphosen" in der Stadthalle. Foto: 
  • Das Trio Levin-Drescher-Dupree. 2/2
    Das Trio Levin-Drescher-Dupree. Foto: 
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Der kleine Saal wäre zu klein gewesen, doch der große erwies sich erneut als zu weitläufig für einen solchen Anlass; die hintere Hälfte des Auditoriums musste leer bleiben. So verlor sich der seidige Streicherklang der relativ kleinen Besetzung bei Wolfgang Amadeus Mozarts berühmter g-Moll-Sinfonie (KV 550) fast in der Weite; dafür waren die Hörner umso deutlicher zu hören. Ansonsten zeichnete spielerische Eleganz die Darbietung aus, getragen von wachem Zusammenspiel.

Der zweite, ruhigere Satz hatte etwas Ätherisches: als schwebte Mozart - als Hausgott des Stuttgarter Kammerorchesters - oben im Himmel und berührte allenfalls dann die Erde, wenn volles Tutti erklang.

Menuett und Finalsatz wiederum zeigten das Ensemble als Hochleistungsteam, das in puncto Leidenschaftlichkeit, technischer Präzision und Tempo absolut auf der Höhe der Zeit ist.

Konnte Christiane Oelze die etwas kühle Atmosphäre erwärmen? Die international renommierte Sopranistin brachte drei Konzertarien von Mozart zu Gehör: Zunächst die früh komponierte Arie "Per pietà, bell'idol mio", dann die spätere Operneinlage "Alma grande e nobil core" und zum Schluss die grandiose Solo-Szene "Bella mia fiamma, addio".

Zwar konnte man (auch als Italienisch-Versteher) die Texte nur mit Hilfe des Programmheftes ausmachen, doch stimmlich meisterte Christiane Oelze ihren Part mit der nuancenreichen Wärme, Größe und Schönheit, die diesen Arien zukommt, vom Orchester mit sensibler Dramatik begleitet.

Ein ganz besonderes Musikwerk füllte den zweiten Teil des Abends: die "Metamorphosen" von Richard Strauss, eine "Studie für 23 Solostreicher", komponiert 1945 kurz vor Kriegsende. Ihre Deutung ist umstritten: Trauermusik angesichts des zerstörten Kulturerbes, Huldigung an Beethoven mit dem Trauermarsch-Zitat oder doch - wie der Titel nahelegt - eine musikalische Umsetzung von Goethes "Metamorphosen", die Strauss zu jener Zeit las?

Ganz ungewöhnlich ist jedenfalls die Zuteilung eigenständiger Stimmen auf 23 Streicher; jeder hat gleichberechtigt seine Musik.

Das harmonisch und polyphon bewegte Ganze an den Grenzen der Tonalität entfaltet sich wie in Goethes naturphilosophischem Gedicht als "tausendfältige Mischung": "Alle Gestalten sind ähnlich, und keine gleichet der andern", es waltet ein "heiliges Rätsel".

Mit diesem Geflecht individueller Linien kollidiert die herkömmliche Orchesterstruktur, im Fall der "Stuttgarter" verkörpert durch das gestenreiche Dirigat von Bernhard Epstein und das exponierte Spiel der Konzertmeisterin, die offenbar ihre Führungsrolle als virtuose Impulsgeberin verteidigte - nur ist die hier nicht gefragt.

Wichtiger wäre die Entfaltung der Nebenstimmen; so heben die "Metamorphosen" an mit den dunklen Farben von Celli und Bässen, gefolgt von den Bratschen, zuletzt treten die Violinen hinzu.

Interpretiert wurde das Werk eher als Orchesterstück traditioneller Art mit vergleichsweise homogenem Gesamtklang. Die Steigerungen des organischen Wucherns wurden unter erhöhter Spannung aufgebaut, die Trauer ging über in vielstimmige Erregung, bis nach der Generalpause deutliche Akzente gesetzt wurden, die im Höhepunkt gipfelten. Der fesselnd gestaltete, nach und nach verlöschende Schluss bannte das Publikum in konzentrierte Stille; erst spät setzte der Applaus ein und hielt lange an.

Weitere Termine im Reutlinger Kammermusik-Zyklus

· Donnerstag, 17. Dezember, 20 Uhr Stadthalle: Duo Moser (Cello/Klavier); Prokofjew und Rachmaninow

· Freitag, 15. Januar, 20 Uhr Stadthalle: Trio Levin-Drescher-Dupree; Ravel, Jolivet, Dutilleux, Ginastera, von Dohnányi, Villa-Lobos, Debussy, Françaix

· Donnerstag, 18. Februar, 20 Uhr Stadthalle: Mandelring Quartett; Haydn, Goldschmidt und Dvorák.

Kammermusik-Zyklus Die 1975 begründete Reihe ging 1980 in städtische Regie über. Seit Herbst 2014 ist der

Reutlinger Pianist und

Stuttgarter Hochschulprofessor Friedemann Rieger künstlerischer Leiter der Reihe.

Karten gibt es unter Telefon: (0 71 21) 303-2834 und per E-Mail an kult.veranstaltungen@reutlingen.de

SWP

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