Mit viel Herz und Engagement

|
Die Jos-Weiß-Schule in der Reutlinger Altstadt gilt als Vorzeigeschule in Sachen Inklusion. Wie hier in der E 1, einer von drei Inklusionsklassen, geht es ruhig und diszipliniert zu.  Foto: 

In der E 1 herrscht Ruhe und Disziplin und eine intensive Lernatmosphäre . Wer Hilfe bei den Aufgaben braucht, meldet sich und wartet geduldig, bis er an der Reihe ist. „Ohne Disziplin funktioniert es ja auch nicht“, sagt Klassenlehrerin Annette Zimmermann. Drei der insgesamt 19 Kinder in dieser mit Erst- und Zweitklässlern gemischten Klasse brauchen einen besonderes Hilfebedarf und werden inklusiv unterrichtet. Noch zwei weitere Klassen mit inklusivem Unterricht gibt es in der Jos-Weiß-Schule an der Lederstraße, in der Reutlinger Altstadt. Insgesamt elf Kinder mit Handicap meistern hier unter den insgesamt 265 Schülern ihren Alltag. Eine wissenschaftliche Untersuchung der Universität Koblenz zu den inklusiven Maßnahmen an Schulen im Landkreis Reutlingen hat diese Altstadt-Schule jetzt in Sachen Inklusion mit dem Begriff „Best Practice“-Schule ausgezeichnet. Kurzum: Hier funktioniert die Inklusion sehr gut, wovon sich gestern Landrat Thomas Reumann bei einem Besuch überzeugen konnte. Mit ihm gekommen waren zudem Vertreter der Inklusionskonferenz und des Selbsthilfe-Beirats sowie des Schulamts Tübingen.

Für Schulleiterin Christiane Stieler ist der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung ein Herzensanliegen. „Die Inklusion steht und fällt mit den Personen. Das Primäre ist die Einstellung zu der Thematik. Wir alle sind mit viel Herz, mit Verstand und Eigenengagement dabei“, sagt die Pädagogin, die seit einem Jahrzehnt die Jos-Weiß-Schule leitet.

Schon früh hat die Bildungseinrichtung begonnen, sich auf das Thema Inklusion einzulassen. Heute sind Strukturen bereits gefestigt und die Schule kann auf einen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Aber, sagt Klassenlehrerin Annette Zimmermann, es bleibe immer eine Herausforderung, zum einen die jahrgangsübergreifenden Klassen, zum anderen die Kinder mit und ohne Handicap unter einen Hut zu bringen. Drei festangestellte Sonderpädagoginnen und zwei Sonderpädagoginnen mit stundenweisem Einsatz verstärken das Team an der Schule. Außerdem sind für die Kinder mit Handicap zwei vom Landkreis finanzierte Schulbegleiter im Einsatz, die bei allen nichtpädagogischen Aufgaben Hilfestellung geben.

Seit vier Jahren ist die Inklusionskonferenz des Landkreises damit beschäftigt, Voraussetzungen für eine umfassende Teilhabe in den Städten und Gemeinden des Landkreises zu schaffen. Die Ziele sind, Menschen mit Handicap in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen, Barrierefreiheit im Alltag zu verbessern, aber auch, die Inklusion an Schulen voranzubringen, wie Reumann gestern betonte. Die in Auftrag gegebene wissenschaftliche Studie zu inklusiven Modellen an Schulen soll helfen, gerade auch für Schulen in kleineren Kommunen Handlungsvorschläge zu unterbreiten. Dies alles soll jetzt in der Inklusionskonferenz diskutiert werden.

Rund 2,8 Millionen Euro investiert der Landkreis derzeit kreisweit in die Schulbegleiter, 780 000 Euro gibt’s als Zuschuss vom Land. Die Sonderpädagogen, die genauso wie ihre Kollegen vom Land finanziert werden, brauchen eigentlich dringend Verstärkung, aber es fehlt landesweit an Personal. 200 Sonderpädagogik-Stellen schafft das Land derzeit jedes Jahr neu und zwar noch bis zum Schuljahr 2020/21, um das Ziel von 25 Prozent Kinder mit Handicap an allgemeinen Schulen zu erreichen. Aber derzeit gebe es viel zu wenige ausgebildete Sonderpädagogen, beklagt der Vertreter des Schulamts, weshalb viele Stellen unbesetzt bleiben.

Im Landkreis Reutlingen sollen jedenfalls die Weichen für einen sukzessiven Ausbau der Inklusion gestellt werden. „Wir wollen ein Bewusstsein dafür schaffen. Dann kann es gelingen“, sagt Reumann. „Inklusion ist erst dann erreicht, wenn es selbstverständlich ist.“

Mit dem Modellprojekt Inklusionskonferenz möchte der Landkreis Reutlingen zusammen mit Städten und Gemeinden weiter die Ziele der UN-Behindertenrechts-Konvention auf kommunaler Ebene umsetzen. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei  der Beteiligung von Menschen mit Handicaps, Angehörigen und Selbsthilfegruppen. Die Inklusionskonferenz ist ein Gesamtnetzwerk aller Beteiligten, welche die Inklusion im kommunalen Raum in irgendeiner Weise gestalten und beeinflussen. Da Inklusion als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe angesehen wird, ist die Inklusionskonferenz organisatorisch beim Landrat angesiedelt.

Vorsitzender ist Landrat Thomas Reumann, Stellvertreter Prälat Christian Rose. Der Konferenz gehören  drei Sprecher des Beirats Selbsthilfe an. Die 35 Vertreter der Inklusionskonferenz kommen aus dem Kreistag, aus Städten und Gemeinden, aus den Kirchen, aus Handwerk und Industrie, aus Selbsthilfeorganisationen und der freien Wohlfahrtspflege, aus der Agentur für Arbeit und den Kranken- und Rentenversicherungen.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

 „Mogli“ hilft den Pädagogen

Sechs weitere Projekte im laufenden Jahr unterstützt das Spendenparlament mit insgesamt 12 885 Euro. weiter lesen