Mit Swing und Chansons

Mit Swing, Charme und Pomade: Der Swing der 50er-Jahre hat es Götz Alsmann angetan. Der wortgewandte Sänger begeisterte mit Liedermacher Klaus Hoffmann rund 850 Besucher in der Stadthalle.

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Im vergangenen Jahr stand das Klavier ein wenig anders. Es gab diese hübschen, roten Bigband-Grafiken vor den Notenpulten der Musiker noch nicht, und auch die Gags kamen noch etwas hektischer. Ansonsten jedoch blieb fast alles beim Alten.

Das ist auch gut so, denn Götz Alsmann ist ein Meister der niveauvollen Unterhaltung und kann es sich leisten, drei Jahre hintereinander mit einem ähnlichen Programm die Stadthalle zu beehren. Wo sich sonst auf Kleinkunstbühnen und in Fernsehkanälen dünnbrüstige Gags mit zynischen Zoten und verbalen Ausfällen abwechseln, glänzt der "Hagestolz aus Münster" mit feinsinnig durchkonstruierter Rhetorik. Und erst beim wiederholten Konsum seines Programms "Beswingt ins neue Jahr" stellt man fest, welche kleinen intellektuellen Details er zwischen den Schlagern der 50er Jahre und den vortrefflich dargebotenen Nostalgienummern des ehemaligen Südfunk-Tanzorchesters - heute SWR Big Band - versteckt hat.

Gewiss ist Alsmann altmodisch und hat sich mit Haut und Haartolle der guten alten Zeit verschrieben. Seine aufwendigen Wortkreationen kreieren ein neomodernes Rokoko des Entertainments. Verkünstelte Satzschlangen winden sich um amüsante Beschreibungen, wenn er Vico Torrianis "Caroline Chérie" oder Friedrich Hebbels "Nachtlied" ankündigt. Mit Schlagern wie "Was die kleinen Mädchen singen, wenn sie träumen", "Eine Nacht in Monte Carlo" oder "Ein kleiner Bär mit großen Ohren" greift er tief in die Mottenkiste, stets ist aber auch die Lust an einer beschwingten Wiedergabe herauszuhören. Dafür ist wie in den vergangenen Tourneen die SWR Big Band unter der Leitung von Klaus Wagenleiter zuständig, die sich einmal mehr mit überschwänglichem Elan und druckvoll eingestreuten Jazz- und Instrumentaleinlagen über jegliche Musikgenres und Zeiteinheiten hinwegsetzt.

Und dann ist da ja noch Gastsänger Klaus Hoffmann. Obwohl seine Lieder über Träume, Berliner Hinterhöfe, Reisen und Liebe einen musikalischen Kontrast zum swingorientierten Programm Götz Alsmanns bilden, kann man seine Auftritte im Wechsel mit Alsmann als die eigentlichen Höhepunkte des Abends bezeichnen. Mit den neueren Stücken "Berliner Sonntag", "Wenn ich's hier schaff', schaff' ich's überall" oder dem wunderschönen "Sie", aber vor allem mit einigen ganz alten Chansons wie "Bitte geh' nicht fort", "Amsterdam" und "Mein Weg" sorgt der "Jacques Brel von der Spree" mit Unterstützung der versierten SWR Big Band für musikalischen Tiefgang. Dabei wirft er kleine Lichter auf die Schatten der 60er und 70er Jahre in Berlin. Auf Männer, die nicht taten, was sie wollten, auf Frauen, "die ihren Mann standen", und auf einen im März 1951 geborenen Klaus, der immer schon singen wollte und stets auf Abenteuertour in seine Träume unterwegs war.

Die alten Hymnen vom vielen Geliebtwerden wirken heute noch melancholischer und berührender als damals, weil sie mit Lebenserfahrung veredelt sind. Und doch ist Hoffmann immer noch derselbe, und auch der Mond über Berlin ist derselbe geblieben, eine nimmermüde Inspirationsquelle. Es ist schwer, neue Lieder zu singen, zumal wenn die alten so schön waren. Während seine Beine und Arme noch immer swingen, seine Stimme unvermindert stark und pathetisch klingt, macht sich in den Schultern langsam das Alter breit. Gewiss, auch dieser junge Werther wird älter - doch seine Träume reichen weit darüber hinaus.

Am Ende singen Alsmann und Hoffmann gemeinsam "Das Lied vom runden Tisch" von Hanns Dieter Hüsch, und nicht nur bei diesem poetischen Song wird klar: Sie sind noch nicht ganz vergessen, die kleinen Perlen der deutschen Popularkultur. Götz Alsmann und Klaus Hoffmann haben sie an diesem Abend wieder zum Leben erweckt.

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